Eigentlich hat sich der IT-Boom am Staat vorbei entwickelt, der noch immer vier Fünftel der Wirtschaft kontrolliert und stark mit Russland verflochten ist. Russland wiederum ist zuletzt durch den Ölpreis und die Sanktionen infolge der Krim-Annexion und des Krieges in der Ostukraine in eine Wirtschaftskrise geschlittert.

Verbote und Repressionen

Lukaschenko, der zwar von russischen Krediten abhängig ist, aber immer wieder mit Moskau im Clinch liegt, kommt da ein bisschen Risikostreuung in Richtung Westen ganz gelegen. "Dadurch wird der IT-Sektor in Weißrussland liberaler sein als in Hongkong", sagt Nikolaj Markownik von VP Capital Belarus, der mitgeholfen hat, das Dekret auszuarbeiten. Zwar macht der IT-Sektor bisher nur rund fünf Prozent des BIP aus, doch 2010 lag der Anteil noch weit unter drei Prozent. Bis 2030 sollen die Exporte aus Weißrussland von bisher einer Milliarde auf 4,7 Milliarden Dollar steigen und die Anzahl der im IT-Sektor Beschäftigen soll von 30.000 auf 100.000 zunehmen, hoffen die Autoren des Dekrets.

Wird Minsk also das Silicon Valley Osteuropas? Arkady Moshes, Weißrussland-Experte am Finnischen Institut für Internationale Beziehungen, ist skeptisch. "Aus meiner Sicht kann nur eine tiefgehende, wirtschaftliche Liberalisierung die Grundlage für einen Durchbruch sein", sagt er. "Eine beschränkte technologische Modernisierung kann aber auch dann erreicht werden, wenn der Staat viel Geld investiert." Nachsatz: "Aber das Geld hat das Land nun mal nicht."

Und schließlich gibt es noch ein zweites Weißrussland. Ein Weißrussland abseits der hippen Cafés, wo Craft Beer, Fruchtlimonaden und Eierkuchen mit Ingwer serviert werden und das wenig gemein hat mit dem glitzernden Image der postsowjetischen High-Tech-Wiege. Das Weißrussland der sowjetischen Militärparaden, der Todesstrafe und des Geheimdienstes, der hier immer noch KGB heißt. Das Weißrussland der Verbote und Repressionen. Regimekritiker, die eingesperrt werden, und Proteste, die brutal von der Polizei nieder geschlagen werden. Wie im Vorjahr, als tausende Menschen im ganzen Land gegen eine Abgabe für Arbeitslose auf die Straße gingen. Der Staat feiert immer noch jedes Jahr offiziell die Oktoberrevolution und Lenin als einen Heilsbringer der Geschichte.

Wie frei und demokratisch muss ein Land aber sein, um in der globalen, digitalen Wirtschaft zu bestehen? Allzu politische Fragen wie diese weiß Walerija Bobkowa geschickt zu umschiffen. Die 31-Jährige hat eine bewegte Vita: Studierte Ingenieurin, Marketing-Expertin und zuletzt Lehrerin. Aber immer wieder lässt sie Sätze fallen wie: "Zumindest Schulen sollten der Ort sein, wo man seine Gedanken frei ausdrücken kann." Oder: "Wer kreativ sein soll, muss auch kritisch denken können." Bobkowa hat vor einem Jahr das Programm "Technoproryw" (zu Deutsch: "Durchbruch der Technik") im staatlichen "Jugend- und Kinderpalast" in Minsk gestartet. So stehen im wuchtigen Betonbau seither nicht mehr nur Stunden in Klavier, Astronomie und Töpfern, sondern auch Programmieren, Drohnenflüge und Englischkurse auf dem Programm. Eine Schule, in der die Kinder zu kritischem und selbständigem Denken angeregt werden sollen, so will es Bobkowa.