Wien. Radelnde Essenslieferanten, die mit riesigen Wärmeboxen auf dem Rücken als Tagelöhner arbeiten, Handwerker, die ihre Arbeitskraft versteigern, und Großunternehmen, die Aufträge in viele kleine Projekte zerlegen und an Freischaffender vergeben, die schon morgen wieder ohne Lohn dastehen können. Die sogenannte Gig Economy macht das durch die digitale Vernetzung weltweit schnell und unkompliziert möglich, gleichzeitig stiehlt sie uns die alte Stabilität. Hier gibt es keine festangestellten Arbeitnehmer mehr, die einen fixen Verdienst haben und sozial abgesichert sind. Bezahlt werden sie wie beim Fahrdienst Uber wie Musiker - pro Auftritt, pro "Gig". Diese entgrenzte Arbeitskultur erfasst immer mehr Bereiche, deren Beschäftigungsverhältnisse sie aushöhlt und billiger wie prekärer macht.

Oder ist das bloß Übertreibung? Inzwischen werden in der Wirtschaft Stimmen laut, die meinen, dass die Bedeutung der Gig Economy überschätzt wird. Eine Studie der US-Notenbank Fed kommt zu dem Schluss, dass sie gemessen an der Gesamtwirtschaft keine Rolle spielt. So gaben zwar drei von zehn Amerikanern an, dass sie im Monat vor der Umfrage mit solchen Jobs zu tun hatten, aber nur fünf Prozent der Anbieter erwirtschafteten damit die Hälfte des Familieneinkommens. Für die meisten ist die Plattformökonomie mehr ein Hobby oder ein Zuverdienst. Der typische Gig-Arbeiter arbeitet laut Fed nur fünf Stunden pro Monat, in drei von vier Fällen macht der Verdienst keine zehn Prozent des Einkommens aus. Die Studie ist bemerkenswert, weil sie die Situation in den USA abbildet, im Mekka der Plattformökonomie, und die Gig Economy hinter jenem Stellenwert zurückbleibt, der ihr zugerechnet wird. Es fahren also wohl weit weniger Uber-Taxis herum, als wir glauben.

Zwei Gegenrechnungen

Jeremias Prassl ist von der These nicht völlig überzeugt. Prassl ist außerordentlicher Professor der Rechtsfakultät der renommierten Universität in Oxford. Kürzlich erschien sein Buch "Humans as a Service". Darin erforscht Prassl die Chancen und Risiken der digitalen Arbeitswelt. In den meisten Ländern Europas mache die Gig Economy höchstens ein bis drei Prozent aus, sagt er, daher sei es richtig, dass sie nur ein kleiner Teil der Wirtschaft ist. Aber Prassl möchte dem zweierlei gegenüberstellen: "Das rapide Wachstum dieser Plattformen und, das ist das Wichtige, die Gig Economy ist nichts Spezielles und Separates, was auf dem Arbeitsmarkt passiert."

Nur weil moderne Technologien etwas schneller und effizienter machen, heiße das nicht, dass auch das dahinterliegende Geschäftsmodell neu ist. Prassl nennt das "Innovation Paradox". Wie der Europäische Gerichtshof festgehalten hat, sei Uber zwar eine moderne App-Plattform, aber unterm Strich nur eine Transportfirma. Mit dem Unterschied, dass sie, wie auch andere digitale Marktgrößen, die Ökonomie in einer Rasanz weiter auf den Kopf stellt, "indem Risiken des Marktes vom Arbeitgeber auf einzelne Arbeitnehmer umgeladen werden", sagt Prassl, für den so lange Geld fließt, solange er arbeitet. Wenn nicht oder im Krankheitsfall, ist der Geldhahn zu.