Im Regelfall stellen die Konjunkturforscher des Wifo und des Instituts für Höhere Studien (IHS) Forderungen an die Politik. Diesmal haben sie jedoch einen Aufruf an die Bevölkerung gerichtet - nämlich, sich im Umgang mit der Corona-Pandemie so zu verhalten, dass die zuletzt stark gestiegenen Infektionszahlen wieder zurückgehen. "Mit unserem eigenen Verhalten können wir sehr viel tun, damit es nicht wieder zu einem Lockdown kommen muss", betonte Wifo-Chef Christoph Badelt am Freitag bei der Präsentation neuer Konjunkturprognosen für Österreich. Es sei "entscheidend, die Infektionszahlen einzudämmen", erklärte auch IHS-Leiter Martin Kocher. Denn derzeit würden diese stark mit der wirtschaftlichen Dynamik korrelieren.

Nach dem historisch beispiellosen Konjunkturabsturz in dem von Lockdown-Maßnahmen geprägten zweiten Quartal - da schrumpfte das heimische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahresabstand um 14,3 Prozent - hat sich im Sommer zwar eine Phase mit kräftigem Wachstum von mehr als 10 Prozent (Wifo-Schätzung) eingestellt. Doch mit den zunehmend nach oben kletternden Neuinfektionszahlen haben sich die Stimmung und die wirtschaftliche Lage in Österreich - besonders in der von jüngsten Reiswarnungen hart getroffenen Tourismusbranche - wieder eingetrübt. "Die weiterhin sehr hohe Unsicherheit bremst den Aufwärtstrend stark ein", sagte Kocher.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Ein weiterer Lockdown wäre eine Katastrophe

Badelt sieht das ähnlich: "Wir sind zwar wieder in einem Aufschwung, aber das Wachstum dümpelt jetzt so dahin." Erst ein Impfstoff gegen das Virus werde die Stimmung aufhellen und für stärkeres Aufwärtspotenzial sorgen, sind sich Kocher und Badelt einig. Bis dahin sei lediglich mit einem verhaltenen Wirtschaftswachstum zu rechnen. Kocher geht davon aus, dass diese Phase bis Mitte 2021 andauern könnte.

Für das Gesamtjahr 2020 erwarten Wifo und IHS nach dem scharfen Konjunkturknick der ersten Jahreshälfte ein BIP-Minus von 6,8 respektive 6,7 Prozent, 2021 sollte die heimische Wirtschaft dann um 4,4 beziehungsweise 4,7 Prozent wachsen. Voraussetzung für diese Prognosen ist freilich, dass Österreich im Herbst von einem zweiten Lockdown verschont bleibt. Das Wifo hat errechnet, dass ein solcher seine Prognosewerte für heuer und das nächste Jahr um 2,5 bis 4,0 Prozentpunkte verschlechtern würde.

Allfälligen Zusatzmaßnahmen der Politik zur Ankurbelung der Konjunktur können Badelt und Kocher indes nichts abgewinnen. Zumal verschiedene bisherige Maßnahmen "noch gar nicht umgesetzt oder angekommen sind", wie der Wifo-Chef zu bedenken gab. Als Beispiele nannte er die Corona-Arbeitsstiftung und die mit Brüssel noch nicht ausgehandelte zweite Fixkostenzuschuss-Phase. "Auch mit vielen neuen Maßnahmen kann ich nicht mehr wirtschaftliche Aktivität setzen", unterstrich sein IHS-Kollege. "Das einzige, was hilft, ist, das Infektionsgeschehen besser in den Griff zu kriegen."

Was die Arbeitslosigkeit in Österreich betrifft, rechnen Wifo und IHS für heuer mit einer sprunghaft ansteigenden Rate von 9,8 beziehungsweise 9,9 Prozent und für 2021 dann mit einer Quote von 8,8 respektive 9,4 Prozent. "Der Arbeitsmarkt ist und bleibt unser größtes Problem", sagte Badelt. "Das wird uns noch sehr beschäftigen." Mehr denn je seien vor allem verstärkte Qualifizierungsmaßnahmen notwendig, vor diesem Hintergrund sei auch die geplante Arbeitsstiftung zu begrüßen, so Badelt.

"Es kann nicht unendlich Geld ausgegeben werden"

Hoch ist unterdessen der fiskalische Preis, den Österreich für seine Corona-Maßnahmen zu zahlen hat. Nach einem Überschuss im Vorjahr wird das Budgetdefizit heuer in ungeahnte Höhen steigen - laut Wifo-Prognose auf 9,4 Prozent des BIP und laut IHS-Schätzung auf 11,7 Prozent. Für 2021 wird der Finanzierungssaldo bei minus 4,7 respektive minus 6,1 Prozent erwartet. Zwar hält Badelt alle bisherigen Maßnahmen der Regierung für richtig. Aber: "Es kann nicht unendlich Geld ausgegeben werden, man muss auch wieder in die Konsolidierung kommen." Die Regierung sei demnach gut beraten, alsbald wieder an Strukturreformen zu denken, sagte Badelt. Darunter falle etwa eine Ökologisierung des Steuersystems, aber auch das Thema Pflege. Nach der Bewältigung der Krise seien jedenfalls "starke Anstrengungen zur Haushaltskonsolidierung" notwendig, ergänzte Kocher.

Dass die global wütende Corona-Wirtschaftskrise nicht nur dem Bundesbudget, sondern auch dem österreichischen Außenhandel einen spürbaren Dämpfer versetzt, zeigen Zahlen der Statistik Austria. Von Jänner bis Juli schrumpften die heimischen Exporte gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um 10,5 Prozent auf 81,5 Milliarden Euro ein. Der Wert der Importe fiel jedoch noch deutlicher - um 13,1 Prozent auf 82,0 Milliarden Euro. Dadurch hat sich das Handelsbilanzdefizit von 3,3 auf 0,5 Milliarden Euro verkleinert.

Wichtigster Handelspartner blieb auch in der Corona-Krise die Europäische Union. "Zwei Drittel des Außenhandels fanden innerhalb des Binnenmarktes statt", so Statistik-Austria-Chef Tobias Thomas.