Wer zur Stoßzeit in Österreichs Ballungsräumen in die U-Bahn oder in den Bus steigt, merkt vom Lockdown recht wenig. Noch am Wochenende hatte sich im Zuge der Lockdown-Verlängerung der Vizerektor der Medizinischen Universität, Oswald Wagner, für eine Homeoffice-Pflicht ausgesprochen, um die immer noch viel zu hohen Corona-Infektionszahlen zu senken. Eine solche Pflicht werde es aber nicht geben, wie die Regierung am Sonntag bekanntgab. Es bleibt beim Appell, Homeoffice wo immer möglich anzuwenden.

Ein Blick in zahlreiche heimische Büros zeigt, dass dieser Appell nicht ganz so strikt beherzigt wird wie noch im ersten Lockdown. "Wir haben im Frühling vier Wochen im Homeoffice gearbeitet und sind seitdem jeden Tag im Büro", erzählt Melanie N. Sie ist Architektin und arbeitet in einem Architekturbüro in der Wiener Innenstadt. Homeoffice werde nicht gern gesehen und sei nur Eltern mit Betreuungspflicht gestattet. "Am besten wäre ein Schichtbetrieb, damit wir die Ansteckungsgefahr minimieren", sagt sie. Gänzlich im Homeoffice arbeiten möchte sie aber nicht. "Es tut schon gut, ab und zu rauszukommen." Ähnliches gilt auch für Johann P. Der Anwalt fährt jeden Tag ins Büro, weil sein Chef Homeoffice nicht gestattet.

Sozialpartner gegen Pflicht

"Alle Sozialpartner haben sich mit guten Argumenten gegen eine Pflicht ausgesprochen. Das scheint rechtlich nicht sinnvoll möglich. Daher der dringliche Appell!", schrieb Arbeitsminister Martin Kocher auf dem Kurznachrichtendienst "twitter" am Sonntag. Seit Monaten verhandeln die Sozialpartner nun schon ein Homeoffice-Paket. Dieses sei in der Zielgeraden, heißt es von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite, beschlossen ist es aber noch nicht. Was dort jedenfalls nicht vorgesehen ist, ist eine Homeoffice-Pflicht.

"Es gibt Menschen, für die ist es schlicht und einfach nicht vernünftig möglich, im Homeoffice zu arbeiten. Wir wollen nicht, dass Menschen in Situationen gedrängt werden, in denen sie nicht optimal arbeiten können - sei es, weil sie kein gutes Internet oder keinen ergonomischen Arbeitsplatz haben. Davon abgesehen, macht es sehr oft die familiäre Situation einfach schwierig, von zu Hause aus zu arbeiten. Das sind einige der Lehren, die wir aus dem ersten Lockdown im März 2020 gezogen haben", sagt ein Sprecher des Österreichischen Gewerkschaftsbunds.

"In der aktuellen Situation raten wir als Wirtschaftskammer den Unternehmen, dort, wo es Spielräume für Homeoffice gibt, diese auch voll auszunutzen", heißt es aus der Wirtschaftskammer. "Es gibt jedoch eine Reihe von Bereichen und Tätigkeiten, die eine Anwesenheit vor Ort erfordern. Aber auch dort, wo Homeoffice leichter umsetzbar ist, ergeben sich in der Praxis manchmal Hindernisse wie etwa fehlende technische Ausstattung. Aus diesem Grund ist Freiwilligkeit weiter ein wichtiges Kriterium."

Dort, wo Menschen auf engem Raum zusammenarbeiten, ist die Ansteckungsgefahr jedenfalls größer, erklärt Petra Streithofer von der Arbeiterkammer. In den vergangenen Monaten sei es immer wieder zu Clusterbildungen in Logistik-Lagern sowie auf und um Baustellen gekommen. "Das Großraumbüro ist sicher auch ein Thema, auch wenn man sich an alle Sicherheitsvorkehrungen und die Maskenpflicht hält", sagt sie.

Masken oder Teleworking

Ein Rundruf der "Wiener Zeitung" bei österreichischen Unternehmen hat ergeben, dass die Realität in den Büros des Landes schon recht nahe an eine Homeoffice-Pflicht herankommen. Beim Kommunikationsanbieter A1 gelte Mobile Working/Homeoffice. Wie im ersten Lockdown befinden sich 6.000 der 8.000 Mitarbeiter im Homeoffice. Im Büro arbeiten aktuell nur jene Mitarbeiter, deren Arbeit es unbedingt erfordert oder deren private Rahmenbedingungen ein ständiges Arbeiten von zu Hause nicht ermöglichen, so Unternehmenssprecherin Livia Dandrea-Böhm. Verpflichtendes Tragen eines Mundnasenschutzes am Arbeitsplatz und Trennwände stehen hier am Plan.

Auch beim Versicherer Uniqa arbeiten unverändert 95 Prozent der Belegschaft von zu Hause. Ausgenommen jene Mitarbeiter, die in den Kfz-Zulassungsstellen gesetzlich verpflichtet sind, anwesend zu sein, sagt Pressesprecher Gregor Bitschnau. Für das Arbeiten im Büro gebe es nur ganz wenige Ausnahmen, jede Anwesenheit müsse einzeln und tageweise genehmigt werden. Dann müsse durchgehend auch ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. "Da wir bereits jetzt im Homeoffice arbeiten, würde eine Homeoffice-Pflicht nichts für uns ändern", so Bitschnau.

Beim Wiener Baukonzern Porr werde Homeoffice generell ermöglicht, heißt es von Seiten des Unternehmens. Im Zuge des Lockdowns wurde diese Möglichkeit dort, wo sinnvoll und möglich, erweitert. Die konkrete Anzahl der Mitarbeiter im Homeoffice konnte die Pressestelle aber nicht nennen. Im Büro wie auf den Baustellen gelte ein Mindestabstand von zwei Metern und wöchentliche Tests, abseits des Arbeitsplatzes gelte Maskenpflicht.

Beim Wiener Architekturbüro FranzundSue arbeiten von den 80 Mitarbeitern knapp mehr als die Hälfte im Büro. "Beim ersten Lockdown waren fast alle im Homeoffice, das funktioniert aber nicht. Wir haben eine langfristige Lösung entwickeln müssen, die durchhaltbar ist", sagt Geschäftsführer Michael Anhammer. "Wir haben die Teams klein aufgeteilt, teilweise wird gewechselt, einige sind die ganze Zeit da, weil in kreativen Phasen manches nur vor Ort zu machen ist." Fläche wurde dazugemietet, um die Abstände einhalten zu können, FFP2-Masken wurden organisiert. Auch für die Kantine im Haus sei die Anwesenheit im Büro wichtig, denn "die wollen auch überleben", so Anhammer. Zum Thema Homeoffice-Pflicht sei wichtig zu klären, ob diese für drei Wochen oder ein halbes Jahr gelte. "Wir müssen Verträge einhalten und das geht rein digital schwer in unserer Branche. Aber wir achten aufeinander, niemand wird gezwungen, ins Büro zu kommen, etwa wegen Kinderbetreuung oder Asthma." Es gebe aber auch Leute, die ohne das Büro vereinsamen, berichtet er. Für viele Menschen bedeutet der Arbeitsplatz Sozialkontakte und Struktur.