Die Arbeit im Homeoffice bleibt weiterhin Vereinbarungssache, für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gibt es steuerliche Begünstigungen bis zu 600 Euro, und Beschäftigte im Homeoffice sind unfallversichert. Das sind jene Kernpunkte der neuen Homeoffice-Regeln, auf die sich die Regierung am Dienstag einigte.

Doch wie gelingt es, mit den Herausforderungen, die Homeoffice mit sich bringt, fertig zu werden? Wie muss sich die Kommunikation zwischen den Kollegen ändern? Worauf müssen Führungskräfte achten? Antworten darauf gibt die Wirtschaftssoziologin Ruth Simsa in ihrem neuen Buch "Leadership und Homeoffice" und im folgenden Gespräch:

"Wiener Zeitung": Frau Simsa, viele Unternehmen bestehen trotz Corona-Pandemie auf die Anwesenheit ihrer Mitarbeiter, auch wenn die Arbeit von zu Hause erledigt werden könnte. Warum ist das so?

Ruth Simsa: Sehr viele Führungskräfte haben Angst, die Kontrolle zu verlieren. Im Homeoffice können sie ihren Mitarbeitern nicht über die Schulter sehen, sie wissen nicht, was diese gerade tun. Das verunsichert. Wenn alle im Büro sind, ist die Kommunikation niederschwelliger. Man kann sich schnell einmal Mitarbeiter zur Seite nehmen, man spürt sie besser.

Ist diese Angst berechtigt, was die Leistung der Mitarbeiter betrifft?

Nein, die Studien sprechen eine eindeutige Sprache. Mit ein paar Ausnahmen ist man im Homeoffice produktiver als im Büro. Aber wir sind halt auch Menschen und mögen den persönlichen Kontakt.

Auch die Politik tut sich schwer. Es hat knapp ein Jahr gedauert, bis es eine allgemeingültige Regelung gab. Woran liegt das?

Unsere Arbeits- und Sozialgesetze sorgen dafür, dass nicht jeder einzelne Arbeitnehmer mit seinem Unternehmen, mit seinem Chef verhandeln muss. Sondern es wird kollektiv geregelt. Das gilt nach wie vor. Homeoffice schafft aber neue Bedingungen. Die Arbeitszeiten sind weniger gut kontrollierbar, es stellt sich die Frage, was von der Ausstattung vom Betrieb und was vom Arbeitnehmer bezahlt wird.

Was halten Sie von der neuen Regelung?

Ruth Simsa lehrt Soziologie an der Wirtschaftsuniversität Wien mit Schwerpunkt Organisations- und Gruppensoziologie. Simsa ist zudem selbständige Organisationsberaterin und Lehrtrainerin für Gruppendynamik und Organisationsberatung. In Kürze erscheint ihr gemeinsam mit Gruppendynamiktrainer Michael Patek verfasstes Buch "Leadership und Homeoffice" im Linde-Verlag. Dabei gehen die beiden Autoren der Frage nach, wie Führung im Homeoffice am besten gelingen kann.  - © Michael Schmid
Ruth Simsa lehrt Soziologie an der Wirtschaftsuniversität Wien mit Schwerpunkt Organisations- und Gruppensoziologie. Simsa ist zudem selbständige Organisationsberaterin und Lehrtrainerin für Gruppendynamik und Organisationsberatung. In Kürze erscheint ihr gemeinsam mit Gruppendynamiktrainer Michael Patek verfasstes Buch "Leadership und Homeoffice" im Linde-Verlag. Dabei gehen die beiden Autoren der Frage nach, wie Führung im Homeoffice am besten gelingen kann.  - © Michael Schmid

Gut finde ich, dass es keine Verpflichtung für Mitarbeiter zum Homeoffice gibt. Für Menschen, die nicht von daheim arbeiten können oder wollen, hätte das eine Belastung bedeutet. Auch der explizite Verweis auf flexible Gestaltungsmöglichkeiten, wenige Stunden bis Vollzeit, ist sinnvoll. Die Unfallversicherung ist ebenso absolut notwendig, auch die Regelung in Bezug auf steuerpflichtige Sachbezüge, wie etwa Laptops. Fraglich ist, wie weit die Steuerfreigrenze von insgesamt 600 Euro ausreicht.

Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit, acht Stunden Schlaf - eine wichtige Errungenschaft der Arbeiterbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts. Wird diese Errungenschaft nun aufgebrochen?

Wir leben heute in anderen Zeiten, weit entfernt von den ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen im 19. Jahrhundert. Aber wenn die Trennung von Arbeit, Freizeit und Schlaf im Homeoffice nicht gut kollektivvertraglich abgesichert wird, wenn das nicht kontrolliert und eingehalten wird, dann ist eine Errungenschaft verloren gegangen. Tatsächlich zeigen Studien, dass Mitarbeiter im Homeoffice eher stärker belastet sind und oft unter der Entgrenzung von Privatem und Beruflichem leiden. Auch wenn das für viele seltsam klingen mag: Mitarbeiter im Homeoffice müssen mehr geschützt werden.

Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit ist im Homeoffice fließend. Es ist verlockend, zwischendurch Wäsche zu waschen oder zusammenzuräumen. Wie kann ein Tag im Homeoffice am besten organisiert werden?

Eine klare Struktur ist notwendig. Tag für Tag. Am besten schreibt man in der Früh seine Tagesziele auf einen Zettel und hält sich daran. Dazu gehören auch klare Pausen, die auch wirklich Pausen sind, die zur Entspannung dienen sollen. Das ist bei jedem anders. Es ist wichtig herauszufinden, was einem guttut. Es muss eine Struktur sein, die zu einem passt. Auch Bewegung ist notwendig. Man sollte zwischendurch einmal aufstehen, oder raus aus der Wohnung, einen kleinen Weg gehen.

Der eine arbeitet gerne acht Stunden von 9 Uhr bis 17 Uhr und ist außerhalb dieser Zeiten nicht erreichbar. Der andere ist flexibler, arbeitet auch am Wochenende, geht dafür aber untertags spazieren und verbringt zwischendurch Zeit mit seinen Kindern. Wie kann ein Unternehmen all die unterschiedlichen Persönlichkeiten unter einen Hut bringen?

Klar, es gibt unterschiedliche Vorlieben. Die einen schätzen Homeoffice und genießen das sehr, die anderen können damit weniger anfangen. Für die meisten Menschen scheint eine Mischung am besten zu sein, also zwei bis drei Tage Homeoffice, die restlichen Tage im Büro.

Wie sollte die Leistung im Homeoffice gemessen werden?

Es zählt stärker das Ergebnis. Wer schneller fertig ist, kann dann ja gerne auch früher aufhören. Die Anwesenheit bis zu einer bestimmten Uhrzeit wird in den meisten Bereichen weniger wichtig werden.

Erleben wir einen Kulturwandel? Ist die Zeit der häufigen Kaffee- und Rauchpausen vorbei?

Das mit dem Kulturwandel ist richtig. Wir sind es nicht gewohnt, dass vor allem das Ergebnis zählt. Es darf aber nicht in Richtung Selbstausbeutung und Burnout gehen.

Wie Sie vorher erwähnt haben, ist es für Führungskräfte nicht mehr möglich, Mitarbeiter auf die Seite zu nehmen. Sind Chefs im Homeoffice mehr als Psychologen gefordert als im Büro?

Es ist auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit nötig, weil man nichts mehr nebenbei wahrnimmt, die Stimmung eines Mitarbeiters weniger spürt. Es können Probleme auftauchen, die man im Büro sofort bemerken würde, etwa ob ein Mitarbeiter überfordert oder unterfordert ist. Die Führungstätigkeit muss daher bewusster ausgeführt werden.

Gemeinsame Kaffeepausen oder Mittagessen sind im Homeoffice nicht möglich. Was kann man tun, damit das Teamgefühl gestärkt wird?

Es kann helfen, in der Früh eine Check-in-Runde zu machen. Jeder erklärt kurz, wie es ihm persönlich geht, woran er gerade arbeitet. Das muss nicht lange dauern, bei einer Gruppe von sechs bis acht Mitarbeitern etwa, nicht mehr als fünf Minuten. Das reicht, um ein Gefühl für die Stimmung im Team zu bekommen. Und jeder Mitarbeiter fühlt sich gesehen. Generell sollten Online-Meetings nicht länger als eine Stunde dauern, sonst sinkt die Motivation. Videokonferenzen sind anstrengender, sie müssen daher besser und aufmerksamer moderiert werden.

Wenn Sie zehn Jahre vorausblicken, welchen Stellenwert wird Homeoffice haben?

Ich hoffe, dass wir eine gute Balance von Arbeit in Anwesenheit und Arbeit im Homeoffice haben werden. Wenn wir das schaffen, liegen darin enorme Chancen. Das kann unglaubliche Freiheiten und eine höhere Lebensqualität zur Folge haben. So würde etwa der Pendelverkehr abnehmen, Menschen wären flexibler bei der Entscheidung, wo sie wohnen, und könnten ihr Leben vielleicht familienverträglicher gestalten.