Wiener Zeitung: Ich stelle Ihnen die gleiche Frage, die ein Kollege AMS-Chef Johannes Kopf gestellt hat: Ich bin aus Tirol. In den vergangenen Jahren habe ich im Tourismus gearbeitet. Seit einem Jahr bin ich arbeitslos. Mit meinem Pflichtschulabschluss finde ich keinen Job. Zoom, Homeoffice, das alles sagt mir nichts. Was soll ich tun?

Martin Kocher: Ich glaube, dass es auf jeden Fall sehr hilfreich ist, jetzt alle Angebote zur Qualifizierung und Weiterbildung wahrzunehmen. Es gibt die Corona-Joboffensive, einzelne Programme in den Bundesländern, auch in Tirol für Tourismusqualifizierungsprogramme. Das würde die Chancen am Arbeitsmarkt auch nach Corona verbessern.

450.000 Menschen sind ohne Job, 1,2 Millionen sind oder waren in Kurzarbeit. Welche Jobs kommen nach Corona nicht wieder?

Das kann niemand seriös beantworten, weil wir noch nicht wissen, welche langfristigen Folgen Corona auf die Wirtschaft haben wird. In der Eventbranche, Stadthotellerie, Flugbranche wird es eine Zeit lang dauern, bis Jobs zurückkommen. Ich persönlich glaube nicht, dass Corona selbst einen Strukturwandel ausgelöst hat, aber ich glaube, dass es den bestehenden Wandel massiv beschleunigt hat. Es werden sicherlich neue Jobs entstehen.

Welche neuen Jobs?

Im Bereich Digitalisierung und in den MINT-Fächer entstehen viele Jobs, darauf ist auch die Corona-Joboffensive ausgerichtet. Im Bereich der Industrie werden auch viele Lehrlingsstellen geschaffen, ebenso im Bereich Klima und Umwelt. Und wir sehen aufgrund der Demografie auch Jobs, die im Bereich der Pflege und der Gesundheitsberufe entstehen.

Trotz Rekordarbeitslosigkeit herrscht paradoxerweise ein Fachkräftemangel. Wie kann man dem entgegenwirken, vor dem Hintergrund, dass die Hälfte der Jobsuchenden nur einen Pflichtschulabschluss hat?

Ganz genau sind es 44 Prozent. Die ganz große Aufgabe der nächsten Jahre wird sein, Qualifizierungsprogramme so breit wie möglich aufzubauen. Menschen zu qualifizieren, weiterzubilden. Durch das AMS setzen wir hier viele Maßnahmen. Je höher der Qualifizierungsgrat ist, desto besser sind die Arbeitsbedingungen in der Regel.

Vom Tellerwäscher zum Programmierer: Das ist in sehr vielen Fällen einfach nicht realistisch.

Es gibt die Möglichkeit, Fremdsprachen zu lernen, sich in seinem Bereich weiterzubilden oder umzuorientieren. Wir werden auch in weniger gut bezahlten Branchen weiter Arbeitskräfte brauchen. Es geht nicht darum, alle zum Programmierer auszubilden, sondern Schritt für Schritt die Qualifikationen zu erhöhen.

Wird unser Bildungssystem den neuen Anforderungen an Beruf und Ausbildung gerecht? Viele Jugendliche verlassen die Schule, ohne überhaupt sinnerfassend lesen zu können.

Grundsätzlich ist das österreichische Bildungssystem sehr gut aufgestellt. Es wird sich aber auch weiterentwickeln müssen. Die Corona-Krise hat auch in diesem Bereich zu einem Digitalisierungsschub geführt. Was in manchen Bereichen eine Herausforderung ist, ist der Anteil an nicht deutschsprachigen Kindern in der Schule. Wir müssen es schaffen, alle Kinder zu einem Abschluss zu führen. Das ist für die Betroffenen und die Gesellschaft wichtig.

Prognosen sind derzeit schwierig, aber wann rechnen Sie mit einer spürbaren Erholung am Arbeitsmarkt?

Wir hatten im März schon eine spürbare Erholung. Das war zum Teil ein saisonaler Effekt, zum Teil eine Folge von Öffnungsschritten. Bei den nächsten Öffnungsschritten im Bereich Gastro und Tourismus, die hoffentlich bald möglich sind, wird es weitere Entspannungen geben. Wir hoffen, dass wir im Laufe des Sommers auf ein Niveau der Arbeitslosigkeit von 330.000 bis 350.000 Personen kommen können. Das wäre noch immer höher als 2019, aber eine spürbare Entlastung im Vergleich zu jetzt.

Phase 4 der Kurzarbeit läuft im Juni aus. Nicht alle Branchen werden sich im gleichen Ausmaß von Corona erholen. Wie soll denn Phase 5 ausschauen?

Wir sind mit den Sozialpartnern zur genauen Ausgestaltung in Gesprächen. Das Ziel ist, die Kurzarbeit weiterzuführen, konjunkturgerecht und zielgenau anzupassen. Um eben den Branchen zu helfen, die dann noch eingeschränkt sind, also die genannten: Eventbranche, Stadthotellerie, Flugbranche. Das Ziel ist, im Mai ein fertiges Modell für die Phase 5 zu haben.

Auch die erhöhte Notstandshilfe wäre ausgelaufen. Jetzt wird sie bis Juni verlängert. Warum das Umdenken?

Es gab kein Umdenken. Wir haben immer gesagt, dass wir die Pandemie-Situation im Blick behalten. Nachdem nun klar geworden ist, dass der Lockdown im Osten verlängert wird und weitere Öffnungsschritte wahrscheinlich erst im Mai erfolgen können, war klar, dass es eine Verlängerung der Anhebung der Notstandshilfe auf das Niveau des Arbeitslosengeldes geben muss.

Im Zuge der Krise werden immer wieder Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen oder einer Maschinensteuer laut. Was halten Sie davon?

Ich sehe bei diesen beiden Sachen ehrlich gesagt nicht, wie sie uns aktuell bei den strukturellen Herausforderungen am Arbeitsmarkt helfen sollen. Helfen wird uns, dass Bildung, Weiterbildung und Qualifizierung von allen genutzt und breit angeboten werden. Das ist nicht nur Aufgabe der Regierung und des AMS, sondern auch der Unternehmen und der Betroffenen selbst. Jetzt kann man natürlich nicht Jahrzehnte in die Zukunft sehen, aber derzeit sehe ich nicht, die etwa das bedingungslose Grundeinkommen funktionieren würde.

Sie gelten als Kritiker des bestehenden Arbeitslosenhilfemodells (55 Prozent des Letzteinkommens über einen längeren Zeitraum, Anm.) Was könnte man besser machen?

Ich würde mich nicht als Kritiker sehen. Das Modell funktioniert grundsätzlich gut. Die Frage ist, kann man ein Modell schaffen, das besser funktioniert, also Menschen schneller in den Arbeitsmarkt integriert? Mir ist wichtig, dass wir über alles sprechen können, nicht nur über die Höhe, sondern zum Beispiel auch über Zuverdienstgrenzen, Staffelung, Vermittlungsbemühungen. Der richtige Zeitpunkt für diese Diskussion ist aber nach der Krise, wenn der Arbeitsmarkt einigermaßen normal funktioniert.

Wie viel Prozent Ihrer Arbeit erledigen Sie im Homeoffice derzeit?

Das ist schwer zu sagen, weil es von Tag zu Tag unterschiedlich ist. Ich versuche immer wieder, Termine von zu Hause wahrzunehmen. Im Arbeitsministerium sind wir jedenfalls zu 80 Prozent im Homeoffice, um eben Kontakte weitgehend zu reduzieren.

Und wie viel werden Sie nach Corona im Homeoffice arbeiten?

Ich als Minister wohl eher seltener. Mir ist aber grundsätzlich wichtig, dass das Homeoffice-Paket, das wir beschlossen haben, möglichst viele Freiheiten auf beiden Seiten gewährt. Ich gehe davon aus, dass viele Menschen eine hybride Form finden werden: ein, zwei Tage pro Woche im Homeoffice und die restliche Zeit im Büro. Es wird sehr spannend zu beobachten, welche Folgen das auf die Erwerbstätigkeit von Frauen und Männern hat, auf die Mobilität und vieles mehr.

Stichwort Frauen: Die Corona-Krise hat Frauen härter getroffen als Männer und auch der bereits besprochene Fachkräftemangel ist auch darauf zurückzuführen, dass Frauen sehr oft in Teilzeit arbeiten, sobald sie Kinder bekommen und nicht mehr für höhere, besser bezahlte Positionen zur Verfügung stehen. Was läuft in Österreich weniger gut als im Norden oder im Osten Europas?

Grundsätzlich ist hier wichtig, dass es Wahlfreiheit gibt. Frauen müssen entscheiden können, wie sie arbeiten möchten. Was in Österreich auffällt, ist, dass nach der Zeit der Kinderbetreuung, in der in Teilzeit gearbeitet wird, nicht mehr aufgestockt wird. Was auch auffällt, ist, dass die Männerbeteiligung bei der Reduktion von Arbeitszeit wegen Kinderbetreuung geringer ist als in Skandinavien oder den Niederlanden. Das ist eine gesellschaftliche Frage und wir müssen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleisten. Das ist im Interesse der Beteiligten aber auch im gesellschaftlichen Interesse. Aber grundsätzlich ist die Wahlfreiheit wichtig.

Vor kurzen gab der Aufsichtsrat der Öbag bekannt, dass im Zuge der Chat-Affäre der Vertrag von Vorstand Thomas Schmid nicht verlängert wird, er aber noch ein Jahr im Amt bleibt. Ist dieses Vorgehen angemessen, oder hätte Schmid gleich zurücktreten sollen?

Es ist aus meiner Sicht Sache des Aufsichtsrates, wie er damit umgeht. Es ist wichtig, dass die Öbag handlungsfähig ist und ein geordneten Übergang stattfindet. Mehr kann ich dazu nicht sagen, weil ich nicht in Details involviert war.