Lange Zeit war von Übernahmen in der österreichischen Bankbranche nur selten zu hören. Zusammenschlüsse kleinerer Institute gab es in den vergangenen Jahren zwar immer wieder, aber nur innerhalb der Sektoren von Raiffeisen, Sparkassen, Volksbanken und Hypos. Meist vollzogen sie sich deshalb auch abseits der Öffentlichkeit. Doch nun ist der hiesige Bankenmarkt wieder in Bewegung, nachdem Post und Bawag, die noch bis vor wenigen Jahren Geschäftspartner waren, kürzlich Akquisitionen verkündet haben.

So übernimmt die teilstaatliche Post AG, die am Donnerstag starke Halbjahreszahlen bekanntgab, von der niederländischen Großbank ING deren Privatkundengeschäft in Österreich, um die Präsenz der "bank99", der neuen, im April 2020 gestarteten Banktochter, substanziell zu vergrößern. Die Bawag wiederum erwirbt die Hello Bank, die hierzulande als Marktführerin im Online-Brokerage gilt. Beide Deals, für die keine Kaufpreise genannt wurden, stehen noch unter dem Vorbehalt behördlicher Genehmigungen.

Post-Banktochter wird deutlich größer

Mit dem Closing, dem formalrechtlichen Abschluss der Übernahme, rechnet Post-Chef Georg Pölzl bis Ende 2021. In einer Aussendung wird Pölzl damit zitiert, dass mit der Transaktion ein "außerordentlicher Schritt zum beschleunigten Hochlauf unserer Finanzdienstleistungen gelungen" sei. Gemeinsam mit dem 270 Mitarbeiter umfassenden Team der ING in Österreich soll die "bank99" künftig weiterentwickelt werden.

Zuletzt hatte die neue Banktochter der Post, die vorerst noch mit Anlaufverlusten konfrontiert ist, rund 70.000 Kunden. Durch das digital betriebene Privatkundengeschäft der ING in Österreich wird sie mit einem Schlag rund 150.000 Kunden dazubekommen und damit dann gut dreimal so viele Kunden haben wie jetzt. Von den 150.000 Privatkunden hat dem Vernehmen nach circa ein Drittel die ING als Hausbank. Die Übernahme selbst betrifft vor allem Girokonten, Konsum- und Hypothekarkredite sowie Wertpapierveranlagungen.

Neben dem Kundenstock wird sich auch die Bilanzsumme der "bank99", die zu 80 Prozent der Post und zu 20 Prozent der Finanzgruppe der Grazer Wechselseitigen gehört, deutlich vergrößern. Waren es zum Ultimo 2020 erst 603 Millionen Euro, werden es nach dem Merger gut 2,3 Milliarden Euro sein.

Hello Bank geht auf in der Direktbankmarke der Bawag

Den Online-Broker Hello Bank, der von seiner Gründung im Jahr 1995 bis Juli 2015 unter dem Namen "direktanlage.at" firmierte und zuletzt der französischen Großbank BNP Paribas gehörte, will die Bawag in Zukunft unter der Marke "easybank" fortführen. Die "easybank" versteht sich als die führende Direktbankmarke im Land. Mit der Hello Bank werde deren Fokus ergänzt, heißt es bei der Bawag.

In Österreich verfügt das auf Wertpapiergeschäfte spezialisierte Institut, das seinen Sitz in Salzburg hat und etwa 170 Mitarbeiter beschäftigt, über rund 80.000 Kunden. Das betreute Anlagevolumen lag zuletzt bei mehr als acht Milliarden Euro. Im Corona-Jahr 2020 wickelte die Hello Bank gut 1,8 Millionen Wertpapier-Transaktionen ab.

Indes will die Post die Expansion ihrer Banktochter nach erfolgter Übernahme der österreichischen ING-Privatkunden mit der Zufuhr von rund 100 Millionen Euro an frischem Kapital unterstützen. Die Post selbst sieht sich wirtschaftlich derzeit gut aufgestellt. Dank eines starken Paketgeschäfts stiegen im ersten Halbjahr Umsatz und Gewinn. Die Erlöse legten um 28,4 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro zu, der Nettogewinn verdoppelte sich von 39,1 auf 84,2 Millionen Euro.