Es waren noch andere Zeiten, als die Albertina in Wien die Ausstellung "Dreaming Russia" zeigte. Elegante Menschen kommen zur Eröffnung, die zeitgenössischen Werke russischer Künstler tragen Titel wie "Leeres Wissen" oder "Private Moon". Man schreibt Oktober 2013 und dass die russische Gazprombank die Sammlung zur Verfügung stellt, stört damals höchstens einige Umweltschützer, wegen Ölbohrungen des Mutterkonzerns in der Arktis. Doch auch der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zeichnet sich bereits ab. Wenige Wochen später kommt es in Kiew zu Massenprotesten, nachdem der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch der EU eine Abfuhr erteilt und sich Moskau zuwendet. Aber noch ist eine der größten russischen Banken in Staatsbesitz hierzulande salonfähig. Und das hat Tradition.

Österreich war für Kreml-nahe Geldhäuser lange Zeit ein wichtiger Brückenkopf für ihre Auslandsaktivitäten, vor allem in Richtung EU. Sberbank Europe, eine Tochter des größten Instituts des Landes, hat ihren Sitz in Wien und auch die zweitgrößte russische Bankengruppe VTB betreibt hier eine Niederlassung. Die Gazprombank hat wiederum eine wirtschaftliche Verbindung zur Centrex-Gruppe, die im europäischen Gasgeschäft tätig ist und in Wien eine Zweigstelle hat. Nach der russischen Invasion in der Ukraine finden sich die drei Gesellschaften auf einer Sanktionsliste der USA wieder. Auch der von Brüssel angeordnete Ausschluss Russlands vom Bankenkommunikationssystem Swift und die Sperre von Reserven der russischen Zentralbank im Euroraum setzen den Instituten stark zu.

Bankenaufsicht schreitet ein

So muss die Sberbank Europe bereits um ihre Existenz kämpfen, weil Kunden ihre Gelder abziehen und dem Institut die Zahlungsunfähigkeit droht. Die heimische Bankenaufsicht FMA belegte die Bank daraufhin mit einem kurzfristigen Verbot fast aller Auszahlungen, um einen Kollaps zu verhindern. Das Moratorium sollte unter anderem unterbinden, dass Gelder von der Sberbank Europe in Richtung des Mutterkonzerns in Russland abfließen, hieß es am Montag. Die Gruppe hat laut eigenen Angaben 187 Filialen mit etwa 773.000 Kunden in Zentral- und Osteuropa, davon 65.000 Kunden mit einer Bilanzsumme von 2,2 Milliarden Euro in Deutschland und Österreich.

Ein prominenter österreichischer Unternehmer mit engen Geschäftsverbindungen nach Russland wird der Sberbank Europe jedenfalls im März den Rücken kehren: Steyr-Automotive-Eigentümer und Investor Siegfried Wolf zieht sich aus dem Aufsichtsrat zurück, den er seit 2012 als Vorsitzender angeführt hat. Wolf ließ über einen Sprecher ausrichten, dass er die Europäische Zentralbank (EZB) bereits vor Wochen über den Schritt informiert habe. Nach seinem Engagement bei Frank Stronachs Automobilzulieferer Magna war Wolf ab 2010 für den russischen Oligarchen Oleg Deripaska und seinen Mischkonzern Russian Machines tätig. In Österreich leitete Wolf den Aufsichtsrat der Staatsholding ÖIAG und saß in den Kontrollgremien von Strabag, Verbund und Siemens.

Dass russische Geldinstitute in Österreich starke Präsenz zeigen, hat sowohl historische als auch strategische Gründe. Bereits 1974 wählte die UdSSR Wien als Hauptquartier bei der Gründung der Donau-Bank, die der Staatsbank und der sowjetischen Bank für Außenwirtschaft gehörte. Noch in den 1990er-Jahren war sie die größte ausländische Geschäftsbank in Österreich und wickelte rund zwei Drittel des Zahlungsverkehrs aus dem sowjetisch-österreichischen Außenhandel ab.

Zwischen 1987 und 1990 leitete Andrej Akimov die Bank als Generaldirektor - seit 2003 ist er Chef der Gazprombank. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Donau-Bank Teil der VTB-Gruppe, die ihre Westeuropa-Aktivitäten ab 2007 in Wien bündelte. Zehn Jahre später verlegte die VTB ihr Europa-Hauptquartier dann aber nach Frankfurt, wo die EZB ihren Sitz hat.

"Viele Geschäfte hier gelaufen"

"Schon vor dem Fall des Eisernen Vorhangs sind viele Geschäfte über Österreich gelaufen, vor allem für Rohstoffe wie Gas oder auch für Industrieanlagen. Als UNO-Standort und mit den guten internationalen Verbindungen hatte Wien besonders große Attraktivität für sowjetische und später russische Banken", sagt Thomas Url, Ökonom beim Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo), im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Aber auch das Bankgeheimnis, das in Österreich erst spät gefallen sei, habe Österreich bei russischen Banken lange Zeit beliebt gemacht - aus heutiger Sicht seien aber andere Städte wie Frankfurt oder Paris attraktiver, vor allem in Bezug auf die Nähe zu EU-Institutionen, so Url.

Dass vom Kreml gelenkte Geldhäuser ihre Aktivitäten in Europa ausgebaut haben, kann nicht nur auf wirtschaftliche Interessen zurückgeführt werden, sondern ist auch in Zusammenhang mit gestiegenen Investitionen in Europa zu sehen, heißt es in Bankenkreisen. Denn aus strategischer Sicht gehe es bei Übernahmen im Ausland auch darum, die landeseigene Infrastruktur für Finanzierungen ins Spiel zu bringen, und dafür benötige es Tochtergesellschaften vor Ort. Für Russland hat Österreich etwa als Drehscheibe für Gasexporte große Bedeutung, der Energiekonzern Gazprom betreibt bedeutende Speicheranlagen im Land und pflegt gute Beziehungen zur heimischen OMV.

Kalkül auch in Gegenrichtung

Das strategische Kalkül gelte aber auch in die Gegenrichtung bei den Aktivitäten österreichischer Banken, die stark darauf setzten, heimische Unternehmen bei der Expansion im Ausland zu begleiten, nicht zuletzt aus Gründen der Kundenbindung, so ein Banker. Für russische Banken sei Österreich jedenfalls lange Zeit das bevorzugte Eintrittstor in die EU gewesen, was hierzulande auch auf großen Enthusiasmus in Wirtschaft und Politik gestoßen sei.

Selbst wenn Russland bereits seit Jahren verstärkt andere Finanzstandorte in Europa fokussiert und Österreich schleichend an Bedeutung verloren hat - mit Wien hat der Kreml nach dem Angriff auf die Ukraine eine wichtige Basis für seine Banken eingebüßt, schlagartig und womöglich nachhaltig.