Viele müssen sich massiv einschränken, um über die Runden zu kommen. Das zeigt der seit 25 Jahren erscheinende österreichische Arbeitsklima-Index, der von den Forschungsinstituten Sora und Ifes im Auftrag der Arbeiterkammer Oberösterreich erhoben wird. Die Berechnung des Index kommt durch vierteljährliche Umfragen unter österreichischen Arbeitnehmern zustande. Mit 4.000 Befragten pro Jahr ist die Stichprobe repräsentativ und verdeutlicht die Stimmung in der Arbeitswelt.

Vollzeit reicht nicht mehr

1,5 Millionen Menschen sind in Österreich armutsgefährdet. 300.000 davon, obwohl sie arbeiten. Grund dafür ist die Inflation und die damit einhergehenden, "explodierenden" Preise für Wohnen, Lebensmittel, Heizen und Sprit. Auch für Menschen, die Vollzeit arbeiten, wird es vielfach eng, heißt es im Bericht. 45 Prozent der Arbeitnehmer kommen kaum mit ihrem Gehalt aus und neun Prozent gar nicht. Mehr als die Hälfte davon arbeite Vollzeit.

"Der Mythos, dass sich Fleiß und Leistung lohnen, ist damit entzaubert. Es gibt am freien Markt keine Gerechtigkeit für die wahren Leistungsträger in unserer Gesellschaft", betont AK-Präsident Andreas Stangl.

Fast drei Viertel der rund 300.000 Beschäftigten im Handel sind Frauen. Vor allem sie arbeiten in Teilzeitjobs, wovon man kaum leben könne. Für 13 Prozent der Befragten reicht das Einkommen im Handel gar nicht aus, für 56 Prozent nur knapp. 30 Prozent sorgen sich, nicht von ihrer Pension leben zu können. Dass sich die Arbeitssituation im Handel verschlechtert hat, zeigt der Vergleich zum Jahr 2013.

Seit damals ist die Arbeitszufriedenheit von Handelsbeschäftigten um sechs und die Lebenszufriedenheit um fünf Indexpunkte gesunken. In der Gastronomie und im Tourismus sei der Personalmangel zudem hausgemacht, so Stangl. Fast zwei Drittel der Befragten aus diesen Branchen, kommen mit ihrem Lohn kaum oder gar nicht aus. Strom, Heizung und Warmwasser sind für je sieben von zehn, die mit ihrem Lohn nicht auskommen, zu einer starken finanziellen Belastung geworden. Ähnlich sieht es bei Lebensmitteln aus, der beruflichen Mobilität oder dem Schulbesuch der Kinder.

77 Prozent der Haushalte, die dem untersten Einkommensviertel zuzurechnen sind, sparen deshalb bei Energie, 69 Prozent bei Freizeitaktivitäten und 45 Prozent kaufen weniger oder günstigere Lebensmittel ein. Ein Drittel dieser Personen sei auf finanzielle Unterstützung angewiesen, während knapp 20 Prozent mit ihren Zahlungen im Rückstand sind. Die Teuerungen fressen bei vielen die Einkommen auf, heißt es im AK-Bericht.

Psychischer Druck steigt

Zu wenig zu verdienen, sei nicht nur ein finanzielles Problem. Die Hälfte jener, die kaum oder gar nicht mit ihrem Einkommen auskommen seien durch die Arbeit emotional belastet. Ein Fünftel, aller die mit ihrem Einkommen kaum oder nicht auskommen, arbeitet in mindestens zwei Jobs. Genauso viele fühlen sich wegen ihrer sozialen Stellung oder Äußerlichkeiten diskriminiert.

Besonders im Handel erleben Beschäftigte verschiedene Formen der Diskriminierung. Eine überdurchschnittliche Belastung entstehe dort durch den dauernden Kundenkontakt, aber auch Zeit- und Personalmangel dürften den Arbeitsdruck im Handel verstärkt haben. Seit 2013 sei der psychische Stress um 16 Indexpunkte gestiegen. Vieles, was die Regierung bisher gegen die Teuerung getan hat, sei nicht nachhaltig, meint Stangl. Es brauche deshalb gezielte und strukturell wirkende Maßnahmen. Die Arbeiterkammer fordert beispielsweise die Trennung von Strom- und Gaspreis, einen Preisdeckel auf alle Energieformen und die Abschöpfung von Übergewinnen. Außerdem brauche es einen fairen Beitrag der Superreichen. "Im Steuerparadies Österreich fehlen nur noch die Palmen", sagt Stangl dazu.