Wien.

Wird die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise unser marodes Wirtschaftssystem grundlegend ändern? Und wenn ja, in welche Richtung? Eine wachsende Zahl von Unternehmern hält einen radikalen Kurswechsel für unabdingbar und setzen dabei auf die sogenannte "Gemeinwohl-Ökonomie". Diese versteht sich als alternatives Wirtschaftsmodell und wurde in Österreich von Attac-Gründer Christian Felber entwickelt. Ihr zentrales Anliegen ist es, die Verantwortung für Mensch, Natur, Umwelt und Gesellschaft an die erste Stelle zu setzen. Statt auf Gewinnstreben setzt man auf das Streben nach Gemeinwohl, statt auf Konkurrenz auf Kooperation.

"Nicht der Gewinn an Umsatz, sondern an Lebensqualität muss belohnt werden", fordert etwa Sonnentor-Gründer Johannes Gutmann. Der erfolgreiche Waldviertler Bio-Kräuter- und Gewürz-Spezialist ist ein Gemeinwohl-Ökonom der ersten Stunde, und er steht längst nicht mehr allein. Rund 700 Unternehmen aus 15 Staaten bekennen sich derzeit dazu, Nachhaltigkeit auf allen Ebenen zur obersten Maxime zu erheben. Und sie übernehmen Verantwortung gegenüber Mitarbeitern, Umwelt und Gesellschaft - eine Verantwortung, die in herkömmlichen Finanzbilanzen nicht oder kaum sichtbar wird.

Bonität durch Nachhaltigkeit

Sonnentor-Chef Johannes Gutmann hat bereits zum zweiten Mal eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt. - © Fotograf Gerald Lechner.office@geraldlechner.at.0043 664 450 18
Sonnentor-Chef Johannes Gutmann hat bereits zum zweiten Mal eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt. - © Fotograf Gerald Lechner.office@geraldlechner.at.0043 664 450 18

In der "Gemeinwohl-Bilanz" - das Herzstück der Gemeinwohl-Ökonomie - können diese Werte transparent gemacht und gemessen werden. Mehr als hundert Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen haben bisher eine derartige Bilanz erstellt, darunter namhafte Firmen wie Sonnentor, Grüne Erde, das Rogner Bad Blumau oder die deutsche Sparda-Bank. Ziel der Gemeinwohl-Pioniere ist es, mit ihrer Initiative langfristig auch ein wirtschaftspolitisches Umdenken zu bewirken. Sie sind überzeugt, dass sich nachhaltiges Engagement wirtschaftlich und finanziell lohnen muss, etwa durch niedrigere Steuern oder der begünstigten Vergabe von Krediten und Förderungen. Für Sonnentor-Chef Gutmann steht fest: "Nur wer nachhaltig und im Sinne aller Stakeholder wirtschaftet und das in einer Gemeinwohl-Bilanz nachweisen kann, erfüllt alle Kriterien einer Bonität und soll daher günstigere Kredite erhalten."

Sonnentor hat soeben seine zweite Gemeinwohl-Bilanz erstellt. "Sie stellt unserer Ansicht nach die konsequenteste Weiterführung der Nachhaltigkeitsberichte dar", sagt Gutmann. Letztere seien oft nur noch eine Art Werbebroschüre auf Ökopapier, beklagt Gutmann. "Bei der Gemeinwohl-Bilanz werden hingegen alle Bereiche eines Unternehmens auf ihre wirtschaftliche, ökologische und soziale Nachhaltigkeit überprüft."

Das Kärntner Hotel Hochschober auf der Turracher Höhe wird heuer erstmals eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen. Karin Leeb, die den Familienbetrieb in dritter Generation führt, will damit ein Zeichen setzen: "Wir verstehen die Gemeinwohl-Ökonomie als ein System, das sich mit unseren Werten deckt und als zentralen Leitfaden für unsere Unternehmensstrategie. Die Gemeinwohl-Bilanz ist das einzige uns derzeit bekannte Instrumentarium, das diese Werthaltung abbildet." Leeb weiß, dass diese neue Form des Wirtschaftens polarisiert: "Eine Erfahrung eint jene Unternehmer, die sich für die Gemeinwohl-Ökonomie engagieren. Für die einen gelten wir als verrückt, für die anderen als Vorbild."

Doch kann ein Umstieg auf ein alternatives Wirtschaftsmodell in der derzeitigen krisenhaften Situation überhaupt funktionieren? "Trotz der schwerwiegenden Erschütterungen, die die Finanzkrise und das Streben nach grenzenlosem Profit ausgelöst haben, fällt das Umdenken vielen Unternehmern schwer", räumt Gutmann ein. "Doch gerade Krisen bieten die Möglichkeit, althergebrachte Sichtweisen zu hinterfragen, Alternativen zu denken und umzusetzen." Damit die Gemeinwohl-Ökonomie tatsächlich funktioniert, sind aber auch die Konsumenten gefordert. Diese müssen bereit sein, für echte Qualität einen angemessenen Preis zu zahlen. "Und sie sind es längst", weiß Gutmann nur zu gut, "und zwar dann, wenn Produkte wirklich sozial wie ökologisch nachhaltig hergestellt werden."

www.gemeinwohl-oekonomie.org