Wien. "Liebe Erdbewohnerin, lieber Erdbewohner! Bitte lesen Sie diese Gebrauchsinformation aufmerksam, weil sie wichtige Informationen enthält, die es bei Benutzung des Planeten Erde zu berücksichtigen gibt." Nanu? Eine Gebrauchsinformation für die Erde? Wozu? "Für alles auf der Welt gibt es einen Beipackzettel oder eine Gebrauchsanleitung, nur nicht dafür, wie man die Erde richtig benutzt", sagt die Grafikdesignerin Angie Rattay.

Im Herzen grün : Angie Rattay zeigt auf, woran es auf unserem Planeten krankt. - © Foto: Andreas Urban
Im Herzen grün : Angie Rattay zeigt auf, woran es auf unserem Planeten krankt. - © Foto: Andreas Urban

Sie ist die Schöpferin der "Gebrauchsinformation für den Planeten Erde". Das unkonventionelle Projekt brachte ihr an der Universität für Angewandte Kunst einen Abschluss mit Auszeichnung. Das war 2006. Dass sich ihre Diplomarbeit einmal zu einem ganz großen Ding auswachsen würde, hätte sie damals nicht erwartet, sagt die Original-Wienerin mit osteuropäischen Vorfahren im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Wir treffen uns im Café Stil im 7. Bezirk, nur einen Katzensprung von ihrem Büro entfernt. Angie Rattay sitzt an einem kleinen Tisch in der Ecke und genießt das beschauliche Ambiente. Mit der Ruhe war es spätestens nach einer Magazin-Coverstory im September 2007 vorbei. Über 350 E-Mails habe sie daraufhin bekommen, erzählt Rattay. "Im Frühjahr 2008 hatte ich 800 neue Kontakte in meinem Adressbuch."

"Warnhinweise zur sicheren Anwendung"

Es ging Schlag auf Schlag. Immer mehr Menschen wollten Rattays Anleitungen zur Rettung der Welt lesen. Diese sind medizinischen Beipackzetteln nachempfunden und in einer schlichten Schachtel aus umweltfreundlichem Karton verpackt. Der Inhalt: Für den Normalverbraucher verständlich aufbereitete wissenschaftliche Informationen über Atmosphäre, Biosphäre, Hydrosphäre sowie Litosphäre und Pedoshäre - und "Warnhinweise zur sicheren Anwendung". Bewusst einkaufen, bessere Wassernutzung zu Hause, Mehrweg statt Einweg, Car-Sharing und vieles mehr wird wärmstens empfohlen. Und zwar (fast) gratis. Der Druckkostenbeitrag von (mindestens) 1 Euro pro Schachtel fließt in den von Rattay gegründeten Verein Neongreen Network, der sich der Vernetzung und Kommunikation ökosozialer Initiativen verschrieben hat.

120.000 Exemplare der mehrfach ausgezeichneten "Gebrauchsinformation" sind schon weg, für Kinder hat Designerin Rattay eine eigene Edition kreiert, für deren Verbreitung sie noch Sponsoren sucht.

"Nebenbei" organisiert Rattay, die zwar parteilos ist, deren Herz aber für die grüne Bewegung schlägt, seit 2007 die Vortragsveranstaltung "ERDgespräche" und bringt internationale Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Umweltschutz mit Menschen zusammen, die sich auf besondere Weise in diesen Bereichen engagieren. "Beim ersten Mal - das war noch im Heiligenkreuzerhof - waren wir 135 Leute. Ich habe mir damals schon gedacht: Wahnsinn!", erzählt die vielseitige Wienerin. Im Vorjahr kamen schon über 700 Gäste, 40 freiwillige Helferinnen und Helfern sorgten für einen reibungslosen Ablauf in der Wiener Hofburg. Von Anfang an als Unterstützerin dabei war die Grande Dame der österreichischen Grünen, Freda Meissner-Blau, Ehrenpräsidentin des Vereins Neongreen Network.

Rattay, die es schon als Kind verstand, ihre künstlerische Ader ökonomisch zu verwerten - "ich habe Bilder gemalt, sie auf dem Balkon getrocknet und um vier Schilling verkauft" -, glaubt an die Macht der Zivilgesellschaft. Bewegungen, wie etwa Occupy Wall Street, die auf "Fehler im System" aufmerksam machen, motivieren sie, und sie ist überzeugt, dass jeder Einzelne etwas zu einer besseren Welt beitragen kann. In nächster Zeit ist Angie Rattay gemeinsam mit ihrem kleinen Team mit den Vorbereitungen für die ERDgespräche 2013 ziemlich eingedeckt, auf längere Sicht schwebt ihr auch ein Charity-Ball vor.

Info: ERDgespräche 2013
Die von der Wiener Grafikdesignerin Angie Rattay initiierten ERDgespräche gehen am 16. Mai 2013 in die 6. Runde. Veranstaltungsort ist wieder die Wiener Hofburg. Wie in den vergangenen beiden Jahren wird der Event von mehreren "side-events" begleitet. Im Vorjahr – das Motto lautete: "Bottom up! Wir sind alle Teil der Lösung" – wurden rund 700 Gäste gezählt. "Stargast" am Podium war die Menschenrechtsaktivistin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises Bianca Jagger. Das Programm und die Sprecher der ERDgespräche 2013 sind auf www.neongruen.net abrufbar.