Ist der Umverteilungseffekt durch die Finanzialisierung der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten verstärkt worden?

Das auch, das zugrunde liegende Problem, das diese Finanzialisierung erst möglich machte, ist aber die Orientierung auf die Ökonomie, auf das, was quantifizierbar ist, im Gegensatz zum Wirtschaften, dem wirtschaftlichen Tun von Menschen. Man müsste das Wirtschaften wieder in den Vordergrund stellen und sich fragen, was die Gesellschaft will und was die Natur verträgt. Die Ökonomie der anonymen Kapitalgesellschaften hat nur die Vermögensmehrung zum Ziel, nicht das Wohlergehen oder das Glück. Ökonomisch betrachtet sind zum Beispiel nichtexistenzsichernde Löhne kein Problem, in einer Wirtschaft, die an nachhaltigem Wohl interessiert ist, hingegen schon.

Auf politischer Ebene werden Maßnahmen wie die Vermögens- oder die Erbschaftssteuer diskutiert. Setzen derartige Versuche zu spät an?

Man könnte auch die Renditeerwartungen von vorneherein herunterschrauben, die Mehrwertsteuer senken und die astronomisch hohen Einkommen höher besteuern, oder auch eigenständige Entwicklungen von unten mehr fördern, die in den Regionen Wirtschaftskraft erzeugen. Es wäre sinnvoll, Kapitalgesellschaften zugunsten von anderen Rechtsformen wie zum Beispiel Genossenschaften oder Familienunternehmen zu begrenzen. Diese haben geringere Renditeerwartungen als anonyme Kapitalgesellschaften und tendieren weniger zu Exzessen wie bei den Managergehältern. Wenn die Politik allerdings nur noch die Ausführende der Ökonomie ist, haben wir bald eine Lehman-Krise nach der anderen.

Bei den Banken versucht man durch Basel II und III gegenzusteuern. Ist das sinnvoll?

Basel II und III halten die Banken nicht von riskanten Geschäften ab und ändern an den Strukturen wenig. Zugleich schädigen sie die regionalen Wirtschaften. Sparkassen und Raiffeisenbanken haben ja früher gerade den schwächelnden Unternehmen aus regionaler Solidarität Kredite zu relativ günstigen Zinsen gewährt. Das geht mit Basel III nicht mehr. Jetzt müssen Unternehmen, denen es bereits schlecht geht, auch noch eine höhere Zinslast tragen. Das ist so, als ob man in einem Obstgarten jeden Ast abschneidet, der gerade keine Früchte trägt. Vielleicht würde er im nächsten Jahr aber wieder Früchte tragen.

Sind Sie dennoch optimistisch, was die weitere Entwicklung betrifft?

Ja, denn ich denke, auf Dauer werden sich die Menschen gegen diese Entwicklung wehren. Mein Buch soll zeigen, warum die Ökonomie nicht erfüllen kann, was Menschen von einer Wirtschaft erwarten: ein sinnvolles Tun und einen gesicherten Lebensstandard.