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Cambridge/Wien. Manche Menschen fühlen sich zu Männern hingezogen, manche zu Frauen, andere wiederum zu beiden Geschlechtern. Aber warum unterscheiden wir uns eigentlich in unseren sexuellen Neigungen? Und warum ist die Auflösung dieses Rätsels überhaupt von so großem Interesse?

Fragen wie diesen gehen Forschergruppen wie Genetiker oder Psychologen seit vielen Jahren nach. Immer wieder wurde nach dem viel zitierten "Schwulen-Gen" - auch "Gay Gene" - Ausschau gehalten und mancherorts Homosexualität gar als "Krankheit" tituliert. Die Diskriminierung sexuell anders Orientierter gehört noch immer nicht völlig der Vergangenheit an. Wissenschafter des Broad Institute in Berkeley schließen nun ganz klar aus, dass es ein einzelnes Gen gibt, das sexuelle Prägungen entstehen oder gar vorhersagen lässt. Vielmehr sei das Sexualverhalten eines Menschen das Ergebnis eines Zusammenspiels von mehreren genetischen Faktoren sowie äußeren Einflüssen - eben so, wie andere menschliche Eigenschaften auch, schreiben die Forscher im Fachblatt "Science".

Größte Studie ihrer Art

"Wir haben Studien, die insgesamt beinahe 500.000 Personen und Millionen genetische Marker umfassen, kombiniert", erklären die Wissenschafter. Ihnen zufolge handelt es sich dabei nicht um die erste Studie dieser Art, jedoch die bisher größte. Herausgekommen ist die Genome-wide Association Study (GWAS), an der auch LGBTI-Gruppen (lesbian, gay, bisexual, transgender, intersexual) mitgewirkt haben. Darin wird deutlich, dass keine bestimmte Genvariante bedeutend für eine Vorhersage oder die Identifizierung einer sexuellen Neigung ist. Zwar existieren tausende genetischer Varianten, die der Eigenschaft zugeordnet werden können, jede aber nur mit kleinen Effekten, erklärt der Genetiker und Studienautor Andrea Ganna vom Massachusetts General Hospital und der Harvard Medical School.

Einige dieser genetischen Varianten hängen mit biologischen Vorgängen für die Regulation von Sexualhormonen und das Riechvermögen zusammen. Die olfaktorische Wahrnehmung spielt erwiesenermaßen bei Tieren eine wichtige Rolle beim Sozialverhalten und damit auch dem Paarungsverhalten.

Vorhersagen unmöglich

Ebenso wird beim Menschen angenommen, dass Sexuallockstoffe - Pheromone - diesbezüglich eine Wirkung haben. Erstmals konnten mit der Studie fünf solcher Marker als "signifikant" zugehörig eingestuft werden. Dennoch sei es unmöglich, aufgrund der DNA eines Menschen Vorhersagen über dessen Neigungen zu treffen. Umfeldbedingte, gesellschaftliche und kulturelle Aspekte sind damit tief verflochten, betont Benjamin Neale vom Broad Institute in einem Begleitvideo zur Studie.

Da die Toleranz gegenüber unterschiedlichen sexuellen Prägungen in den letzten Jahren gestiegen ist, ist es den Betroffenen möglich geworden, dies auch immer häufiger öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Aus diesem Grund könnte sich auch die diesbezügliche genetische Komponente mit der Zeit verändert haben, mutmaßt der Genetiker.

"Die Genetik ist weniger als die Hälfte der Geschichte über das Sexualverhalten, dennoch bleibt sie ein sehr wichtiger Zusatzfaktor", betont Neale. Die Entdeckung bekräftigt zudem die Bedeutung von Diversität als Hauptmerkmal für sexuelles Verhalten.

Effekte unter einem Prozent

In einem Begleitkommentar zur Studie bekräftigt die Soziologin Melinda Mills vom Nuffield College der University of Oxford die Begrenztheit der Resultate ihrer Kollegen. "Obwohl einzelne genetische Marker entdeckt wurden, die mit dem Sexualverhalten assoziiert werden, indem die Effekte dieser zusammenhängend bewertet wurden, sind diese Effekte so klein - nämlich unter einem Prozent -, dass dies nicht zuverlässig auf die Neigung eines Individuums angewendet werden kann, so die Forscherin."