Schuld ist Jules Verne! Oder genauer: Richard Fleischer, der den Roman "20.000 Meilen unter den Meeren" des französischen Schriftstellers 1954 für Disney auf die Cinemascope-Leinwand brachte und allen Seemannsgarn über schiffeverschlingende Riesenkraken zur spektakulärsten Tricktechnikszenen der Filmgeschichte verknüpfte.

Welche Geschichten das sind! Und so groß und wunderbar ist das Themenfeld, das sich zwischen Mythos und Wissenschaft erstreckt, dass der heutige internationale Tag des Kraken allein nicht genügt. Deshalb findet am 9. Oktober die Nautilusnacht statt für die lebenden Fossilien, am 10. Oktober der Tintenfischtag, am 11. Oktober der Tag der Mythen und Legenden in Zusammenhang mit den Kopffüßern und am 12. Oktober der Fossilien-Tag im Gedenken an alle ausgestorben Kopffüßler-Arten.

Ein Krake schwimmt im Aquarium des Tierparks Schönbrunn. - © APAweb/apa/Tiergarten Schönbrunn/Daniel Zupanc
Ein Krake schwimmt im Aquarium des Tierparks Schönbrunn. - © APAweb/apa/Tiergarten Schönbrunn/Daniel Zupanc

Wieso der Krakentag gerade auf den Achten des Monats fällt? - Symbol, Symbol: Am Achten werden die Achtarmigen gefeiert.

Mythen fern der Realität

Womit wir schon ein Problem haben: Mit Jules Verne, mit den Mythen und mit der mittlerweile eingetretenen Realität, in der das Seemannsgarn sich als Wahrheit, oder zumindest als Teilwahrheit erweist. Bei den Kopffüßern gibt es nämlich einen gravierenden Unterschied, der alltagssprachlich verschwimmt: Acht ungefähr gleich lange Arme hat der Krake, der daher, leicht zu merken, auch Oktopus genannt wird. Der Kalmar hingegen hat acht kürzere Arme plus zwei lange, macht insgesamt zehn.

Nur eine cephalopodophile Spitzfindigkeit? - Nun gut, manch einer mag ja auch Katzen und Hunde in denselben Haustiertopf schmeißen. Aber die Sache mit Kraken und Kalmaren hat einen Haken: Obwohl man in den Mythen zumeist von Riesenkraken spricht, sind Riesenkalmare gemeint. Auch der Film-Riesenkrake aus "20.000 Meilen unter den Meeren" ist in Wahrheit ein Riesenkalmar.

Letzten Endes egal, weil das ohnedies nur Mythen sind? - Eben nicht. Es gibt sie nämlich wirklich, die Riesenkalmare. Mittlerweile ist das gesichert. Und sie sind namenskonform wirklich sehr groß: Riesenkalmare und Kolosskalmare können, Fangarme inklusive, zehn bis vierzehn Meter lang werden, vielleicht gar bis zu achtzehn Metern. Noch größere Längen werden vom Umfang der Narben abgeleitet, die die Saugnäpfe der Fangarme auf der Haut von Pottwalen hinterlassen haben. So, als würden Pottwale und Riesenkalmare einander gegenseitig als willkommene Mahlzeit betrachten. Das aber könnte eine Fehlinterpretation sein: Die Kalmare könnten junge Wale angegriffen haben (oder ein junger Wal einen Kalmar), und im Laufe der Zeit wären die aus dem Kampf herrührenden Narben mit dem Wal mitgewachsen.

Dennoch: Ein Kalmar von rund 12 Meter Länge - ein maritimer Zwerg ist das nicht. Wenngleich: Schiffeverschlinger ist er keiner. Auch nicht, wenn zu den Zeiten, als die Legenden entstanden, viele der Schiffe Längen zwischen 25 und 35 Metern hatten. Die "Santa Maria" etwa, das Flaggschiff des Christoph Columbus, maß gerade einmal knapp 24 Meter.

Wobei es auch Riesenkraken gibt. Die größten Exemplare erreichen bei ausgespreizten Armen eine Spannweite von etwa 9 Metern. Aggressiv gegen Wasserfahrzeuge gehen diese Tiere freilich nicht vor, und weder Wale noch Taucher stehen auf ihrem Speiseplan, der hauptsächlich Garnelen, Krabben, Muscheln und Fisch enthält.

Doch der Mythos lebt, und er hängt wohl auch mit dem Wort "Krake" zusammen. Manche Wörter suggerieren allein aufgrund ihres Klanges eine Monstrosität. Das Wort kommt aus dem alten mundartlichen Norwegisch und stand ursprünglich für einen entwurzelten Baum, später für ein verkrüppeltes Tier und dann, übertragen, für das Meeresungeheuer. Die Bedeutung des Verrenkten, Zerfaserten, schlägt sich im deutschen Wort "krakelig" nieder.

Der Ausbrecher-König

Doch verrenkt und zerfasert ist der Krake keineswegs - ganz im Gegenteil. Es bedarf keines Mythos, um ihn zum Weltmeister der Körperbeherrschung zu erklären. Immer wieder stellen in Aquarien gehaltene Kraken die Mitarbeiter vor Rätsel. Als Ausbrecher-Könige zwängen sie sich durch engste Ritzen und Spalten. Kein Knochen und kein Knorpel und kein Chitinschild behindert ihre Körperverformung. Kraken besitzen ein hochentwickeltes Nervensystem, mit dem sie ihre Bewegungen und Körperformen kontrollieren. Chamäleongleich passen sie sich in Farbe und Form ihrer Umgebung an. Verärgert, werden sie rot. Auf der Flucht hüllen sie ihren Verfolger in eine Tintenwolke, in der er erst das Ziel vor Augen und dann die Orientierung verliert.

Kraken gehören zu den intelligentesten Tieren des Planeten, in etwa Ratten vergleichbar. Sie sind neugierig und lernfähig. Irrgarten-Probleme meistern sie effizienter als die meisten Säugetierarten, und sie spielen fangen mit Tauchern. Einzelne Kraken-Arten in tropischen Gewässern sammeln Kokosnussschalen, um sie als Behausung zu nützen.

Allerdings haben Kraken eine geringe Lebenserwartung von zwei bis drei Jahren, im Fall des Riesenkraken etwa fünf Jahre. Sie vermehren sich nur ein Mal und sterben anschließend. Erfahrungswerte können sie nicht vererben. Und natürlich haben sie auch keine prophetischen Gaben. Dass der Krake Paul während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 den Ausgang aller Spiele korrekt voraussagte, war purer Zufall. Zumindest nach menschlichem Ermessen.

Kraken greifen zwar Menschen nicht an und sie erwürgen sie auch nicht, wie Legenden behaupten, aber der Blauring-Oktopus, der vor den Küsten Australiens, der Philippinen, Indonesiens und Neuguineas lebt, kann mit seinem Gift dem Menschen gefährlich werden. Dabei handelt es sich um das Kugelfisch-Gift Tetrodotoxin, ein Nervengift, das Lähmungen bei vollem Bewusstsein verursacht und, unbehandelt, zum Tod führt.

Der monströse Gott

Doch sind diese wissenschaftlichen Fakten wesentlich weniger im kollektiven Gedächtnis als die mit dem Kraken verbundenen Mythen des Unheimlichen und des Horrors. Blieben Jules Verne und seine Nachfolger bei Untersee-Abenteuern romanhafter oder filmischer Natur im Bereich des Tatsachen verspinnenden Seemannsgarns, mutiert der Krake beim Horror-Papst H. P. Lovecraft gar zum monströsen Gott: Im Versuch, das Unbeschreibbare zu beschreiben, landet Lovecraft bei einem gigantischen Kraken.

Und schon ist die Brücke geschlagen zum zweiten Teil der Filmreihe "Fluch der Karibik", wenn Fangarmgesicht Davy Jones den Kraken ruft, um die "Black Pearl" von Kapitän Jack Sparrow alias Johnny Depp anzugreifen.

Gewissermaßen schließt sich da der Kreis - denn das kraköse Filmmonster landet letzten Endes dort, wo es begonnen hat: Bei Disney.

Dem echten Kraken, der mit Horror gar nichts auf den Kiemen hat, ist das völlig gleichgültig. Wenn man ihm ins Gesicht schaut - man könnte meinen, es langweilt ihn. Oder sollte er gar majestätisch schmunzeln?