Man ist sich einig - beinahe zumindest. Die Datierung der Himmelsscheibe von Nebra ist halt ein Tauziehen - und wird es wohl bleiben. So veröffentlichten Rupert Gebhard, Direktor der Archäologischen Staatssammlung München und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und Rüdiger Krause, Professor für Vor- und Frühgeschichte Europas an der Goethe-Universität Frankfurt, vergangenen September ihre These, das Objekt aus Bronze und Gold sei keine bronzezeitliche Arbeit, sondern sei rund 1.000 Jahre jünger und stamme aus der Eisenzeit.

Gut argumentiert war die Umdatierung zweifellos - aber hält sie bei genauerer Betrachtung?

Nein, sagt eine 13-köpfige Forschungsgruppe in der vom Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) herausgegebenen Fachzeitschrift "Archaeologia Austriaca": Die Himmelsscheibe sei zu Recht in die Bronzezeit datiert worden. Sowohl die Rekonstruktion der Fundstätte als auch die verwendeten Materialien weisen in die Bronzezeit.

Die Konflikte um die Himmelsscheibe von Nebra dauern an, seit sie im September 2002 der Öffentlichkeit auf einer Pressekonferenz vorgestellt worden war. Falsche Datierung - richtige Datierung - gar eine Fälschung? In dieser Geschichte ist alles drin.

Angezweifelte Fundumstände

Alles entzündet sich an den Fundumständen. Denn es waren keine Archäologen, die das Objekt entdeckten, sondern Raubgräber, die mit Metallsonden zu Werk gegangen waren. Für sie spielte der archäologische Wert keine Rolle. Dementsprechend dokumentierten sie die Fundstelle nicht. Archäologen sind bis heute auf die Aussagen der Raubgräber angewiesen. Henry Westphal und Mario Renner entdeckten ihrer Aussage zufolge die Himmelsscheibe am 4. Juli 1999 zusammen mit anderen Objekten. Sie verkauften den Hort (zwei Bronzeschwerter, zwei Beile, ein Meißel und Bruchstücke spiralförmiger Armreife) an einen Kölner Händler. Daran schlossen sich weitere Verkäufe und zuletzt ein Gerichtsverfahren wegen Hehlerei an.

Anorganische Objekte können nicht mit der C-14-Methode datiert werden. Man ist also etwa bei Metallfunden darauf angewiesen, organische Beifunde zu datieren. Sind die Fundumstände allerdings nicht dokumentiert, müssen sich die Wissenschafter darauf verlassen, was die Finder aussagen.

Genau das ist der Knackpunkt bei der Himmelsscheibe von Nebra. Gebhard und Krause gehen davon aus, dass die Auskünfte über die Fundumstände den Tatsachen nicht entsprechen und dass es sich eventuell auch nicht um einen Hort handelt, sondern um ein Konvolut von Einzelfunden. Die Forschungsgruppe, die ihre Erkenntnisse nun in "Archaeologia Austriaca" veröffentlicht, hält die geschilderten Fundumstände für logisch zusammenhängend und kommt daher zu einem Schluss, der die herkömmliche Datierung untermauert: Die Himmelsscheibe von Nebra ist 3.700 bis 4.100 Jahre alt. Bis auf Widerruf.