"Die Oper brennt - aus dem Bühnenhaus schlagen die Flammen heraus. Es beginnt dunkel zu werden, die Brände treten heller hervor. Das Feuer hat jetzt die Räume des ersten Stockes in der Kärntner Straße erfaßt. Hinter den noblen Renaissance-Formen der Fenster schimmerte es rot, die Silhouetten der Feuerwehrleute, die von den Fenstern aus den Brand zu bekämpfen suchen, heben sich schwarz dagegen ab. Alles kommt mir unwirklich und ‚opernhaft‘ vor, das Feuer erscheint mir wie ein Theaterbrand in einer großen Schauoper (. . .)! Neue Rauchschwaden brennen in den Augen, wir müssen immer wieder husten."

Der Diplomat Josef Schöner überliefert diese Bilder des am 12. März 1945 von der US-Luftwaffe verursachten Infernos in seinem "Wiener Tagebuch 1944/1945". Der Luftangriff wird unter bestimmten ideologischen Prämissen noch immer als Zufall apostrophiert, hätte der Befehl doch gelautet, die Raffinerie in Floridsdorf zu treffen. Doch wird heute dem Ansatz Raum gegeben, dass das Prinzip konsequenter Zerstörung der historischen Bausubstanz denselben Stellenwert hatte wie die Destruktion militärischer Ziele innerhalb des besiegten Dritten Reiches.

Spreng- und Brandbomben trafen den nördlichen Teil der Wiener Staatsoper mit dem gesamten Bühnen- und Zuschauerraum. Nur die südliche, dem Ring zugewandte Vorderfront, das dahinter liegende Schwindfoyer und die Feststiege blieben relativ unversehrt.

Diese Episode (2015, zum 60-jährigen Jubiläum der Wiedereröffnung, im Gustav Mahler-Saal behandelt) stellt einen wesentlichen Aspekt der gegenwärtigen Ausstellung "150 Jahre Staatsoper" dar.

Anbindung an Tradition

Der Wiederaufbau der Oper ließ jenen Phoenix aus der Asche erstehen, den manch seinerzeitiger Modernisierer allzu gerne in das Dunkel der Geschichte zurückgejagt hätte: Man forderte - nach Planierung der Ruine - einen kreativen Neubau als äußerliches Spiegelbild dringend notwendiger technischer Innovationen. Doch die politisch Verantwortlichen legten dem Architekturwettbewerb die Bedingung zugrunde, dass die Erscheinungsform der neuen Oper dem zerstörten Gebäude Rechnung zu tragen habe. Das beauftragte Architektenteam, allen voran Erich Boltenstern, der Erbauer des Wiener Ringturms, war dazu aufgerufen, diese Herausforderung zu meistern.

Der erwünschten Anbindung an die Tradition wurde auch in administrativer Hinsicht Rechnung getragen, indem Karl Böhm, dem letzten Staatsopern-Direktor des NS-Regimes, dieselbe Funktion im befreiten Österreich zukam - nach dem "Intermezzo" Franz Salmhofers in der Besatzungszeit. Der neue alte Direktor dirigierte am 5. November 1955 die Eröffnungsvorstellung. Am Programm stand Beethovens Freiheitsoper "Fidelio". Anton Dermota sang den Florestan, Martha Mödl die Leonore, Irmgard Seefried die Marzelline und Waldemar Kmentt den Jaquino. Noch Jahrzehnte später erwähnte der Wiener Publikumsliebling gerne, dass er den ersten Ton im neuen Haus gesungen hatte: Jaquinos Schmachtworte an Marzelline, "Jetzt Schätzchen, jetzt sind wir allein", sind die ersten dieser Oper.