Allen Umständen zum Trotz wurde das Haus am 25. Mai 1869 mit "Don Giovanni" eingeweiht. Die Donna Elvira sang die seinerzeit berühmte Marie Wilt. Ab September desselben Jahres übernahm Amalie Materna die Partie. Das "Haus am Ring" bot seit jeher eine Bühne für die bedeutendsten Sängerinnen und Sänger ihrer Zeit. So etwa holte Hofoperndirektor Gustav Mahler den Tenor-Superstar Enrico Caruso für fünf Vorstellungen ans Haus. In der nächsten Dekade, während der legendären Ära von Hans Gregor, sollte Caruso noch neunmal auf dieser Bühne stehen. Gregor war es auch, der den "Rosenkavalier" nach dessen Dresdner Premiere an das Haus holte (die 1000. Vorstellung an der Wiener Oper wurde kürzlich im Gustav-Mahler-Saal gefeiert). Für die Uraufführung der "Frau ohne Schatten" 1919 wiederum zeichnete das Direktoren-Team Franz Schalk und Richard Strauss verantwortlich.

Anton Dermota als Florestan und Martha Mödl als Leonore in "Fidelio" von Ludwig van Beethoven. 5. November 1955. - © Votava / Imagno / picturedesk.com
Anton Dermota als Florestan und Martha Mödl als Leonore in "Fidelio" von Ludwig van Beethoven. 5. November 1955. - © Votava / Imagno / picturedesk.com

Beeindruckend ist die Reihe der Stimmgigantinnen und -giganten: von der Primadonna assoluta Maria Jeritza bis zu Richard Tauber, der mehrfach als Don Ottavio zu hören war, aber auch in der Uraufführung von Franz Lehárs "Guiditta" am 20. Jänner 1934 den Octavio sang; vom legendärem Hans Sachs Paul Schöffler zu Maria Callas, die Herbert von Karajan für drei Vorstellungen holte; vom führenden Sarastro der 50er und 60er Jahre Gottlob Frick zu Luciano Pavarotti, den man u.a. als Cavaradossi in der zeitlosen Inszenierung von Margarethe Wallmann bewundern konnte.

Es gab aber auch spezielle "Nicht-Auftritte" an diesem Haus. Von einem solchen erzählte der langjährigen Vize-Direktor, Hubert Deutsch (+ 2018), dessen wertvolles Wirken in der Ausstellung leider zu kurz kommt: Wolfgang Windgassen sollte am 13. Mai 1963 als Stolzing in Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" auftreten. Als er nicht in der Oper erschien, telefonierte Deutsch ins bayerische Haus des Kammersängers; die Haushälterin gab an, dieser sei am Ammersee fischen. Deutsch eilte ins Theater an der Wien, wo gerade Rudolf Schock für die Wiederaufnahme von Alban Bergs "Lulu" probte, bat ihn mitzukommen, probte mit ihm die Partie durch (Deutsch hatte seine Karriere als Korrepetitor begonnen) und musste schließlich Schocks Absage akzeptieren. Am Abend trat der Vizedirektor zitternd vor den Vorhang und verkündete die Absage der Vorstellung.

Ensemblemitglieder

Doch die positiven Momente überwogen bei weitem: So verkörperte der erst 34-jährige Fritz Wunderlich 1964 die reife Altersrolle in Hans Pfitzners "Palestrina". Einen besonderen Beigeschmack bekam dieses Rollendebüt im Hinblick darauf, dass der Tenor nach seiner letzten Palestrina-Vorstellung nicht einmal mehr ein halbes Jahr zu leben hatte. In diese Kategorie einzureihen wären unter vielen anderen auch die Salome von Leonie Rysanek oder Hermann Preys Beckmesser.

Doch auch die Ensemblemitglieder des Hauses in Vergangenheit und Gegenwart sowie deren internationale Wirkung seien erwähnt. So war der Ruf des bedeutenden Heldentenors Leo Slezak angeblich ein Grund für den MET-Star Enrico Caruso, nicht öfter nach Wien zu kommen. (Slezak seinerseits ist über hundertmal an der MET aufgetreten.) Der Charaktertenor Heinz Zednik, seit über fünfzig Jahren Ensemblemitglied an diesem Haus, gestaltete hier alle große Partien seines Faches in höchster Perfektion, ehe er sie auf die Bühnen der Welt hinaustrug. Oder wer erinnert sich nicht an Publikumsliebling Alfred Sramek, dessen Bartolo, auf den Spuren seines großen Vorbildes Erich Kunz, bis heute als Glanzlicht gilt? Im April 2016 konnte man den todkranken Sänger letztmalig als Puccinis Mesner erleben.

Spannt man den Bogen bis in die unmittelbare Gegenwart, so kann exemplarisch das Wirken von Anna Netrebko, Piotr Beczaa oder Elina Garanca genannt werden, um jeder gegenwartsverlorenen Rückwärtsgewandtheit entgegenzutreten. Weiter in die Zukunft gespannt, reicht der Bogen zur Direktion Bogdan Ročić, der bis dato noch kein Opernhaus geleitet hat. Inwieweit wird er sich wohl vom Stil seiner Vorgänger abheben? Hugo von Hofmannsthal wusste: "Und in dem Wie, da liegt der ganze Unterschied."