"Der Name ‚Menschenrechte‘ kann ohne ‚Menschenpflichten‘ nicht genannt werden." - Johann Gottfried Herder. - © www.museum-digital.de
"Der Name ‚Menschenrechte‘ kann ohne ‚Menschenpflichten‘ nicht genannt werden." - Johann Gottfried Herder. - © www.museum-digital.de

Da Sprache sich auf den Gehörsinn bezieht, stimmt Herder ein Hohelied auf die bis in die Frühzeit der Menschheit zurückreichende Dichtung der Völker an: "Lieder, Lieder des Volks, Lieder eines ungebildeten sinnlichen Volks, die sich so lange im Munde der väterlichen Tradition haben fortsingen können." Als herausragende Poesie für das Ohr gelten ihm die Epen Homers, das Alte Testament, die Werke Shakespeares sowie die Lieder wenig beachteter Völker Ost- und Südeuropas - und die Gesänge des angeblich keltischen Barden Ossian, die er in der Hexameter-Übersetzung des Wiener Jesuiten Michael Denis kennenlernte und die damals Aufsehen erregten, bis man sie als Dichtungen des schottischen Zeitgenossen James Macpherson enttarnte.

Ursprünglich wollte Johann Gottfried Herder, der am 25. August 1744 als Sohn eines Küsters im ostpreußischen Landstädtchen Mohrungen geboren wurde, mit 18 Jahren in Königsberg Medizin studieren. Doch bei der ersten Leichenöffnung fiel er in Ohnmacht. Also wurde er Theologe und predigte schon mit 23 Jahren in den Kirchen von Riga, das damals russisch besetzt, doch von einer deutschen Oberschicht kulturell beherrscht war. In der Hauptstadt Livlands lernte er, umgeben von lettischen, russischen und polnischen Lauten, die Vielfalt der Volkslieder und Volksdichtung schätzen, wie er in der Einleitung zu seiner Sammlung "Stimmen der Völker in Liedern" bekannte.

Er war ein akribischer Leser mit schrankenlos vielseitigen Interessen. Wie förderlich für das Geistesleben waren doch die zahlreichen Bibliotheken, Lesezirkel und Buchhandlungen! In Königsberg wurden die Läden Hartung, Kanter und Nicolovius viel frequentiert. Die Buchhandlung Kanters, ein beliebter Treffpunkt der Schriftsteller und Gelehrten, gewährte dem stundenlang lesenden, stöbernden Studiosus unbegrenzten Aufenthalt. Und erst die Zeitschriften: wie Pilze schossen sie aus dem Bildungsboden. Später wurde Herder vielfach deren Beiträger, zuweilen auch ihr Herausgeber.

Sturm und Drang

Aus dem baltischen Abseits von Riga hatte sich Herder 1769 durch eine Schiffsreise nach Frankreich befreit, von der er in seinem "Reisejournal" Zeugnis ablegte. In Straßburg, wo er ein Augenleiden auskurierte, lernte er 1770 den fünf Jahre jüngeren Goethe kennen. Eine Schicksalsbegegnung.

Gemeinsam setzte man sich an die Spitze jener "Sturm und Drang"-Bewegung, die für eine lebensnahe, erfahrungsreiche, nicht mehr alexandrinisch gedrechselte Literatur eintrat. Viele begeisterte junge Literaten schlossen sich an. Herders Eintreten für Shakespeare bewog Goethe zu seinem dramatischen Frühwerk "Götz von Berlichingen". Der strenge Formalismus der französischen Klassik war gesprengt; fortan galt auf deutschen Bühnen eine Stoffwahl, die auch dort, wo sie aus der Geschichte schöpfte, sich auf die Verhältnisse der Gegenwart bezog.

Nach einem fünfjährigen Aufenthalt als Hofprediger beim Grafen von Schaumburg-Lippe befreite Goethe den Älteren aus der Enge der Kleinstadt Bückeburg: Er setze 1776 seine Berufung als Generalsuperintendent in die nicht weniger kleine Residenzstadt Weimar durch.

In Weimar begrüßte Herder, zum Missfallen von Goethe und dessen Fürstenfreund Karl August, 1789 voll Hoffnung den Ausbruch der Französischen Revolution. Dem Glauben der Aufklärung an einen geradlinigen Prozess des Fortschritts setzte er indes seine Überzeugung entgegen, die Geschichte verlaufe in Entwicklungsstufen, die sich gleichsam organisch aus den natürlichen Gegebenheiten des menschlichen Daseins ergeben. "Der Geist der Veränderung der Geschichte" zeige sich nicht als eine ebenmäßig fortschreitende Optimierung, sondern sei durch unregelmäßig einsetzende Schubkräfte bestimmt.