Gedenktafel am Herderplatz 7 in Weimar. - © OFTW, Berlin
Gedenktafel am Herderplatz 7 in Weimar. - © OFTW, Berlin

Daher sah Herder auch als Erster das Mittelalter nicht als Zeit der finsteren Barbarei. Eine Ansicht, die stark auf die gerade beginnende Romantik einwirkte. Jede Epoche sei aus ihren historischen Bedingungen zu bewerten, eine Beurteilung unter Maßstäben des eigenen Zeitalters, etwa der Aufklärung, sei als ungeschichtlich abzulehnen. Damit nahm er Einsichten der historisch-dialektischen Geschichtsauffassung vorweg.

In Herder, dem rebellischen Freigeist in Fürstenfesseln, rumorte es gegen Kants überindividuelles Ordnungs- und Staatsdenken. Der Staat war für ihn eine alles zermalmende Verwaltungsmaschine. Er setzte die Freiheit des Einzelnen, die individuelle Selbstentfaltung dagegen, auch aus Widerwillen gegen die vielfältigen Abhängigkeiten einer damaligen Schriftstellerkarriere, denen er sich ausgesetzt sah.

Herder lebte in Weimar im Kreis seiner vielköpfigen Familie ziemlich ungesellig, zeigte sich oft mürrisch, nörglerisch, unbedankt. Vor allem in seinen jüngeren Jahren wechselten Gefühle des Selbstzweifels und der Selbstanklage mit jenen von unbändigem Ehrgeiz und Stolz: "Die Kleinheit deiner Erziehung, die Sklaverei deines Geburtslandes, der Bagatellenkram dieses Jahrhunderts, die Unstetigkeit deiner Laufbahn hat dich eingeschränkt, dich so herabgesenkt, dass du dich nicht erkennst", schrieb er ins Tagebuch. Seinen akademischen Kollegen warf er gern stubenversessene "Papierkultur" vor. Später wurde er, unter dem Einfluss seiner Ehefrau Caroline Flachsland, ruhiger, gemessener. Aber gegen Ende des Lebens, das für ihn schon 1803 erlosch, haderte er wieder mit sich und vermeintlich Versäumtem.

Weittragend in ganz Europa war Herders Idee, die schillernde Vielfalt der Völker und Kulturen als Äußerungen eines sich eigenwüchsig entfaltenden Weltgeists zu betrachten. Vor allem die Brüder Humboldt verfolgten Herders Idee weiter, die im 19. Jahrhundert zu einer die Menschheit umfassenden Völkergeschichte anregte und damit die wissenschaftlichen Kategorien Völkerkunde und Völkerpsychologie vorantrieb.

Regionale Bräuche und kulturelle Manifestationen hob er hervor und setzte sie der emotionalen wie sozialen Wurzellosigkeit eines universalistischen Gesellschafts- und Kulturbegriffs entgegen. So unterschied er zwischen dem Staat als einem von Menschen geschaffenem Gebilde und dem Volk, dem er durch die je eigene Sprache eine metaphysische Genese zuschrieb. In seinen weit in die frühe Welthistorie zurückschweifenden "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" heißt es: "Die ganze Geschichte der Völker wird uns in diesem Betracht eine Schule des Wettlaufs zur Erreichung des schönsten Kranzes der Humanität und Menschenwürde."

"Kulturnation"

Sah Herder die Gefahr des Nationalismus voraus? Sein Denken war dem Begriff "Kulturnation" nahe, den Friedrich Meinecke im 20. Jahrhundert in Gegensatz zur "Staatsnation" setzte. Er hob neben den sprachlichen die naturgesetzlichen, auch klimatisch bedingten nationalen Gemeinsamkeiten hervor, weniger die staatlichen und schon gar nicht die blutbestimmt-rassischen. Ihm schwebte ein "Bund der Völker" vor, der den auch damals gefährdeten Frieden erhalten sollte: "Wie ein Mensch von einem anderen lernt, so soll auch ein Volk von und mit den anderen Völkern lernen, bis alle die schwere Lektion erlernt haben, dass kein Volk ein von Gott einzig auserwähltes Volk ist." Denn, dies war ihm klar, "der Nationalruhm ist ein täuschender Verführer. (. . .) Hat er eine gewisse Höhe erreicht, so umklammert er den Kopf mit einer ehernen Binde."

Sein Gegenmittel wird die Idee der Humanität: "Ich wünschte, dass ich in das Wort ‚Humanität‘ alles fassen könnte, was ich bisher über des Menschen edler Bildung zur Vernunft und Freiheit, zu feinern Sinnen und Trieben, zur zartesten und stärksten Gesundheit, zur Erfüllung und Beherrschung der Erde gesagt habe." Und er stellt klar: "Der Name ‚Menschenrechte‘ kann ohne ‚Menschenpflichten‘ nicht genannt werden, beide beziehen sich aufeinander, und für beide suchen wir ein Wort. So auch ‚Menschenwürde‘ und ‚Menschenliebe‘." Aber er wusste auch: "Humanität ist der Charakter unseres Geschlechts, er ist uns aber nur in Anlagen angeboren und muss uns eigentlich angebildet werden."

Religion, Geschichte und Humanität waren in Herders Verständnis wie kommunizierende Gefäße miteinander verbunden. Bestimmend war die religiöse Weltsicht, in die er all seine politischen, historischen, sprachwissenschaftlichen und volkspädagogischen Theorien einzugliedern suchte. Als unerschöpflicher Weckrufer und Ideenbeförderer blieb er freilich, einer umfassenden Welterkenntnis verpflichtet, mit beiden Beinen auf weltlichem Boden.