Vermutlich werden sie weder Badeshort noch Badeanzug getragen haben, dennoch dürften auch schon Neandertaler viel Zeit am Strand verbracht haben. Auf der Suche nach Muscheln haben sie regelmäßig an der italienischen Küste Halt gemacht und das kühle Wasser des Mittelmeeres durchtaucht. Die harten Muschelschalen, aber auch gesammeltes Vulkangestein dienten als Werkzeuge, wie Forscher der University of Colorado im Fachblatt "Plos one" berichten.

Zwar ist bekannt, dass Neandertaler Werkzeuge verwendet haben, aber das Ausmaß, in dem sie Küstenressourcen ausbeuten konnten, war bis dato fraglich. In der Studie untersuchte ein Forscherteam um Paola Villa von der University of Colorado Artefakte aus der archäologischen Höhle des Neandertals der Grotta dei Moscerini in Italien. Sie ist eine von zwei Neandertaler-Stätten des Landes mit einer Fülle von handmodifizierten Muschelschalen aus der Zeit vor rund 100.000 Jahren. Während die Frühmenschen dafür bekannt sind, Speerspitzen aus Stein herzustellen, gab es bis jetzt nur wenige Beispiele dafür, wie sie Muscheln in Werkzeuge verwandeln. Bei der Ausgrabung der Höhle im Jahr 1949 wurden 171 solcher Teile entdeckt, die vorwiegend als Schaber benutzt wurden. Die Muschelstücke stammen von der im Mittelmeer vorkommenden Glänzenden Venusmuschel. Basierend auf dem Erhaltungszustand der Schalen, einschließlich der Beschädigung der Muscheln und ihrer Verkrustung durch Meeresorganismen, schlossen die Forscher, dass fast ein Viertel der gesammelten Artefakte als lebende Tiere unter Wasser vom Meeresboden gesammelt worden war anstatt vom Strand. In denselben Höhlensedimenten fanden die Archäologen auch reichlich Bimssteine, die vermutlich über Meeresströmungen von ausbrechenden Vulkanen im Golf von Neapel an den Moscerini-Strand getrieben und als Schleifmittel verwendet wurden.

Flexibel und kreativ

Muschelwerkzeuge, die in der Grotta dei Moscerini gefunden wurden. - © Villa et al., 2020
Muschelwerkzeuge, die in der Grotta dei Moscerini gefunden wurden. - © Villa et al., 2020

Diese Nachweise legen nahe, dass die Neandertaler tatsächlich ihren Atem angehalten haben, um nach den perfekten Muscheln für ihre Bedürfnisse zu tauchen. "Die Tatsache, dass sie Meeresressourcen ausbeuten, war unbekannt. Aber bis vor kurzem hat sich einfach niemand wirklich darum gekümmert", betont Villa in der Studie. Um die Muscheln abzusplittern und Schneidkanten zu formen, die lange Zeit dünn und scharf geblieben sind, benutzten die Neandertaler Steinhämmer, führt die Forscherin zudem aus.

Villa zeichnet damit ein Bild des strandliebenden Neandertalers. Doch damit ist sie nicht alleine. Schon in einer früheren Studie hatte der Anthropologe Erik Trinkhaus von der Washington University in St. Louis an den Ohren einiger Neandertaler-Skelette Knochenwucherungen identifiziert. Diese sogenannten Schwimmer-Ohren sind auch heute noch bei Menschen zu finden, die besonders viel Wassersport betreiben.

Für Villa sind die Studienergebnisse ein weiterer Beweis dafür, dass Neandertaler genauso flexibel und kreativ waren wie ihre menschlichen Verwandten, wenn es darum ging, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das stellt einen starken Kontrast zu ihrem gängigen Bild als rohe Höhlenmenschen, die von der Jagd oder dem Verzehr von Mammuts lebten, dar.