Wenn man die alten Fotos betrachtet, kommt einem unweigerlich der Begriff "Zauberberg" in den Sinn. Ein elegantes und zugleich protziges Gebäude steht, von Wiesen und Wäldern umgeben, vor einer Gebirgskulisse. Die Menschen auf den Bildern sind gut gekleidet, man sieht ihnen den Wohlstand an. Die Männer und Frauen, das Bauwerk selbst verströmen das Flair der zu Ende gehenden k.u.k. Monarchie.

Mehr als ein Jahrhundert später ist vom Glanz dieser Tage aber nichts mehr geblieben. Wer heute nach Feichtenbach am Ende des Piestingtales kommt, findet keinen glamourösen Prachtbau, sondern eine verfallende Ruine, von der man nicht weiß, ob sie je wieder instandgesetzt wird. Auch wenn der Putz bröckelt, die Fenster eingeschlagen und die Wände mit Graffiti beschmiert sind, so ist die Geschichte dieses Hauses wert, erzählt zu werden.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts war das Leben in dem abgelegenen Tal, in dem die kleine Ortschaft Feichtenbach liegt, armselig. Die wenigen Bauern, die dort lebten, brachten ihre Familien vor allem mit Waldwirtschaft und der Köhlerei über die Runden. Vermögen war damit keines zu machen, und viele der Höfe waren hoch verschuldet. 1903 änderte sich jedoch einiges im Tal, denn zwei Wiener Ärzte fassten den Entschluss, dort ein Sanatorium für Lungenkranke zu bauen.

Licht und Luft

Lange waren sie auf der Suche nach dem idealen Standort gewesen, in Feichtenbach hatten sie ihn schließlich gefunden, "fern von jeder Industrie und von jeglichem Durchzugsverkehr und vor allem klimatisch außerordentlich günstig gelegen", wie sie selbst schrieben. Ein Jahr später vermerkte die Gemeindechronik die Eröffnung der Anstalt. Der Eintrag, dass das Sanatorium "gewiß zur Hebung des armen, kleinen Ortes in Beziehung auf Verdienst und Verkehr beitragen wird", brachte die Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Aufschwung zum Ausdruck.

Das Gebäude gab auch allen Anlass dazu, es war beeindruckend und auf dem letzten Stand der Technik: Die 80 Zimmer hatten Balkone und elektrisches Licht, eine Dampfheizung sorgte auch im tiefsten Winter für angenehme Temperaturen. Um die Gäste nicht mit den Mühseligkeiten des Alltags und der Bediensteten zu belästigen, wurden die Wirtschaftsgebäude hinter einer Geländekuppe gebaut.

Die medizinische Ausstattung war auf der Höhe der Zeit, das Sanatorium hatte sein eigenes Labor und sogar einen Röntgenapparat. Die Behandlung bestand, wie es in einem Werbeprospekt hieß, "vornehmlich in ausgedehntem Genuss von Licht und Luft. Auf eigens konstruierten, dem Körper angepassten Liegestühlen, die mit Matratzen gut gepolstert sind, verbringen die Patienten einen großen Teil des Tages im Freien, um durch völlige Ruhestellung des Körpers und Entlastung der Lunge den Krankheitsprozess zum Stillstand zu bringen".

Das Sanatorium Wienerwald auf einer Ansichtskarte von 1916 (Verlag Ledermann). - © AKON/Österreichische Nationalbibliothek
Das Sanatorium Wienerwald auf einer Ansichtskarte von 1916 (Verlag Ledermann). - © AKON/Österreichische Nationalbibliothek

Hinter diesem Projekt standen die beiden Ärzte Hugo Kraus und Arthur Baer, die beide in Prag Medizin studiert hatten und danach am Wiener Allgemeinen Krankenhaus tätig gewesen waren. Kraus war ein Experte für Lungenerkrankungen und hatte schon lange vor, eine Heilanstalt zu errichten. Er war deswegen sogar in die Schweiz gefahren, um sich in Davos vom Haus Schatzalp, das später durch Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" berühmt werden sollte, inspirieren zu lassen. Sein Kompagnon, der Pneumologe Baer, war durch Studienaufenthalte in Deutschland und Frankreich auf dem letzten Stand der Forschung und mit einer reichen Russin verheiratet, die das Startkapital für das Sanatorium zur Verfügung stellte.

Trotz des gemeinsamen Ziels war das Verhältnis zwischen den beiden Ärzten nicht ganz reibungslos. Während Baer als introvertierter Mensch beschrieben wurde, der nur wenig persönlichen Kontakt zu den Patienten pflegte, galt Kraus als kontaktfreudig und geschäftstüchtig. Trotz aller Uneinigkeit und Reibereien schaffte es das Duo innerhalb kurzer Zeit, aus dem Sanatorium eine international bekannte Heilanstalt zu machen. Die Gäste kamen aus allen Teilen der Monarchie, manche aber sogar aus so exotischen Gegenden wie dem Orient oder Brasilien.

Ein Jahrzehnt nach der Eröffnung der Anstalt veränderte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges auch im abgelegenen Feichtenbach das Leben. Arthur Baer wurde gleich am ersten Tag des Krieges einberufen, viel männliches Personal musste einrücken und immer mehr Patienten blieben aus. Der Betrieb des Sanatoriums wurde zwar aufrechterhalten, aber die Kundschaft veränderte sich: Die Gäste aus dem Ausland fehlten, dafür wurde auf dem Gelände des Sanatoriums eine Lungenheilanstalt für Soldaten errichtet.

Nach dem Krieg lief das Geschäft rasch wieder an und bald stellten sich prominente Patienten aus Politik und Kultur in Feichtenbach ein. Im April 1924 kam einer in das Sanatorium, dem es nicht mehr gut ging. Die Tuberkulose machte ihm zu schaffen und samt Gewand wog der Mann nur mehr 49 Kilo. Sein Name: Franz Kafka.

Patient Franz Kafka

Nur wenige Tage nach seiner Ankunft verschlechterte sich sein Zustand weiter, der Kehlkopf schwoll dermaßen an, dass Kafka nicht mehr essen konnte und noch mehr abmagerte. Eine Operation war wegen des schlechten Zustandes des Patienten nicht möglich und die Ärzte schickten Kafka nach Wien, wo er von einem Spezialisten weiterbehandelt werden sollte. Doch auch dieser letzte Rettungsversuch kam zu spät, wenige Wochen später, am 3. Juni 1924, starb der Autor.

Prälat Ignaz Seipel. - © Wenzl Weis, Österreichische Nationalbibliothek, public domain, via Wikimedia Commons
Prälat Ignaz Seipel. - © Wenzl Weis, Österreichische Nationalbibliothek, public domain, via Wikimedia Commons

Zwei Tage zuvor waren auf dem Südbahnhof Schüsse gefallen. Der Arbeiter Karl Jaworek hatte den damaligen Bundeskanzler Ignaz Seipel für seine Armut verantwortlich gemacht. Als Seipel am 1. Juni 1924 nach einer Reise in Wien ankam und aus dem Zug stieg, schoss Jaworek auf den Kanzler. Dieser überlebte den Anschlag zwar, ein Projektil hatte aber die Lunge getroffen und die Folgen dieser Verletzung sollten ihm den Rest seines Lebens zu schaffen machen. 1932 verschlechterte sich Seipels Zustand derart, dass er in das Sanatorium Wienerwald gebracht wurde. Doch Hilfe war nicht mehr möglich, Seipel starb nach wenigen Wochen in Feichtenbach an den Spätfolgen des Attentats.

Bis in diese Zeit war das Sanatorium nicht nur medizinisch, sondern auch wirtschaftlich sehr erfolgreich. Ab 1934 wurde die Lage aber immer schwieriger, die politisch instabile Lage und der hohe Kurs des Schilling sorgten dafür, dass kaum noch zahlungskräftige Gäste aus dem Ausland nach Österreich kamen. Das wiederum hatte Konsequenzen für die gesamte Ortschaft: Personal musste entlassen werden und die gewohnten hohen Abgaben an die Gemeinde blieben aus.

1938 folgte eine Zäsur in der Geschichte des Sanatoriums. Nur kurze Zeit nach dem "Anschluss" stand ein Kommando der SS in Feichtenbach und beschlagnahmte das Sanatorium. Hugo Kraus wollte sich das Leben nehmen und verletzte sich dabei schwer, verstarb aber erst nach einigen Tagen im Krankenhaus. Arthur Baer wurde so lange eingesperrt, bis er für einen Pappenstiel seine Anteile am Sanatorium dem "Lebensborn" überschrieb. Damit begann ein neues, dunkles Kapitel in der Geschichte der Anstalt.

Der Lebensborn war ein Verein, der von der SS getragen wurde und zum Ziel hatte, die Geburten "arischer" Kinder zu fördern. Unverheirateten Frauen und Mädchen, die schwanger waren und die "rassischen" Voraussetzungen erfüllten, wurde angeboten, dass sie ihr Kind in Einrichtungen des Lebensborns zur Welt bringen könnten. Die Kinder wurden später an Adoptiveltern, bevorzugt an Angehörige der SS, vermittelt.

Im Oktober 1938 zogen die ersten Frauen im früheren Sanatorium ein, das nun "Heim Wienerwald" hieß und das größte der insgesamt 24 Entbindungsheime des Lebensborns wurde. Bis zum Ende des Krieges sollten etwa 1.300 Kinder hier geboren werden. Allerdings weiß man über diese Frauen und ihre Kinder bis heute wenig, man geht aber davon aus, dass sie nicht nur aus Österreich, sondern auch aus Deutschland, aus den Niederlanden und Norwegen kamen.

Das Heim der SS auf einer Ansichtskarte von 1939 (Verlag Ledermann). - © AKON/Österreichische Nationalbibliothek
Das Heim der SS auf einer Ansichtskarte von 1939 (Verlag Ledermann). - © AKON/Österreichische Nationalbibliothek

Im Laufe des Krieges fiel dem Lebensborn noch eine weitere Aufgabe zu: Kinder aus den besetzten Gebieten in Osteuropa wurden verschleppt und zur Adoption freigegeben, um sie "einzudeutschen".

Nach dem Ende des Krieges beantragten die Erben der Gründer die Restitution, die aber nie stattfand. Das frühere Sanatorium diente zunächst als Erholungsheim für Kinder aus Wien, 1950 übernahm die Metallergewerkschaft die Anlage. Das Gebäude wurde umgebaut, danach war es zwar modern und entsprach dem Stand der Zeit, doch die Grandezza des ursprünglichen Sanatoriums war verflogen.

In den 1970ern wurde die Anlage noch einmal modernisiert, sogar ein Hallenbad wurde eingebaut. Doch die Zeiten, in denen Urlaub im Piestingtal gemacht wurde, waren vorbei, andere Ziele waren nun attraktiver. Immer weniger Gäste kamen, bald wurde die Anlage von der Wiener Gebietskrankenkasse übernommen und als Sanatorium genutzt, aber 2002 an private Investoren verkauft.

Reiz des Verbotenen

In den letzten Jahren verfiel das Gebäude immer mehr. Es wurde zu einer illegalen Partyzone und zur Spielwiese sogenannter Urban Explorer, die, obwohl das Betreten der gesamten Anlage mittlerweile verboten ist, durch das aufgegebene Gebäude streifen und ihre Erlebnisse im Internet teilen. Die Videos, die von ihnen gedreht wurden, zeigen zerbrochene Fenster, besprühte Wände und viel Müll.

Zuletzt ist das ehemalige Sanatorium in das Interesse der Wissenschaft gerückt. Das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung in Graz erforscht in einem Projekt die Geschichte des Gebäudes in der NS-Zeit und sucht dafür Männer und Frauen, die im Heim des Lebensborns geboren wurden und ihre Lebensgeschichten erzählen wollen, aber auch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die über das "Heim Wienerwald" in den Jahren zwischen 1938 und 1945 Auskunft geben können. Außerdem ist das Institut an Fotografien, Objekten und Dokumenten interessiert, die helfen können, die Geschichte des Hauses aufzuarbeiten.

Wer zu diesem Projekt beitragen kann, wird gebeten, sich mit Dr. Lukas Schretter (E-Mail: lukas.schretter@bik.ac.at, Telefon: +43 (0) 316 / 380-8272) vom Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung in Verbindung zu setzen.