Seit seiner Ankunft in der "Neuen Welt" hatte Bernal Díaz del Castillo dem Tod wohl schon einige Male ins Antlitz geblickt. Die Kämpfe um Tenochtitlan übertrafen aber alles, was er bisher durchgestanden hatte. In seinem Werk über die Eroberung des Aztekenreiches schreibt er: "Während wir kämpften, war der Hagel aus geschleuderten Speeren und Pfeilen so groß, dass wir uns trotz noch so guter Rüstung verletzten. (...) Und so mussten wir Verletzten mit unseren mit Lappen umwickelten Wunden von morgens bis in die Nacht hinein kämpfen. (...) wir führten bei Tag und bei Nacht einen Krieg, der sich über dreiundneunzig Tage hinzog."

Der letzte dieser endlos scheinenden Kampftage war der 13. August 1521. Danach schwiegen die Waffen. Zigtausende Bewohnerinnen und Bewohner Tenochtitlans waren tot, ein großer Teil der Bausubstanz der Stadt war zerstört. Das Reich der Azteken war am Ende.

Bis heute bestimmen überaus zählebige Geschichtsmythen das Schulwissen um die Gründe für den spanischen Sieg über die Azteken. An erster Stelle steht hier der Mythos vom bärtigen, hellhäutigen Gott Quetzalcoatl, der nach Osten entschwunden sein soll, um eines Tages von dort wiederzukommen. Die Ankunft der Spanier hätten die Azteken als Erfüllung dieser Prophezeiung gedeutet, was ihre Widerstandskraft völlig gelähmt habe. Die neuere Forschung hat plausibel argumentiert, dass es aufseiten der Azteken allenfalls anfangs Unklarheit darüber gab, ob die Fremden der weltlichen oder der göttlichen Sphäre zuzuordnen seien. Die Erfahrungen mit ihnen ließen diese Frage rasch obsolet werden.

Waffen aus Eisen

Als entscheidend wird auch die technologische Überlegenheit der Spanier angesehen, insbesondere ihr Einsatz von Feuerwaffen. Diese aber waren in viel zu geringer Anzahl vorhanden und technisch noch zu unausgereift, um mehr als punktuelle Wirkung entfalten zu können. Einen weit größeren Anteil am Sieg hatten hingegen die Körperrüstungen und die eisernen Hieb- und Stichwaffen der Spanier. Ihnen hatten die Azteken, die Eisen nicht kannten, nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Es war die mörderische Effizienz auf dem Schlachtfeld, die, in Kombination mit der teils geschickten, teils auch nur glücklichen militärischen Führung für die meisten Siege der Spanier sorgte.

Lange wurde auch ignoriert, dass die Spanier bedeutende logistische und militärische Unterstützung durch Indigene erhielten, die die Hegemonie der Azteken abschütteln wollten. Deren "Reich" war ein ethnisch sehr heterogenes Gebilde: Ein Dreibund der Städte Tenochtitlan, Texcoco und Tlacopan dominierte die übrigen Stadtstaaten, die zu Tributleistungen verpflichtet waren. Es gab auch einige Enklaven, deren Unterwerfung den Azteken noch nicht gelungen war, wie das unweit von Tenochtitlan gelegene Tlaxcala.

Hernán Cortés (1485-1547) in einer Darstellung des 17. Jahrhunderts. 
- © Naval Museum of Madrid / Public domain / via Wikimedia Commons

Hernán Cortés (1485-1547) in einer Darstellung des 17. Jahrhunderts.

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Hernán Cortés konnte mit seiner immer wieder angewandten Mischung aus geschickter Diplomatie und Drohungen ausgerechnet die Tlaxcalteken zu seinen wichtigsten und treuesten Verbündeten machen. Ohne ihre und die Hilfe anderer Indigener wäre der Sieg der kleinen spanischen Streitmacht unmöglich gewesen.

Zudem sorgte noch vor dem Beginn der Belagerung Tenochtitlans ein unsichtbarer Gegner, den die Spanier eingeschleppt hatten, für starke Verluste in den Reihen der Azteken: die Pocken. Ihnen und einer Hungersnot infolge des Rückgangs der Nahrungsmittelversorgung erlagen im Hochland von Mexiko schätzungsweise bis zu 40 Prozent der Bevölkerung.

Nicht vergessen werden darf auch Cortés’ Dolmetscherin Malinche. Doña Marina, wie Bernal Díaz sie ehrerbietig nannte, war die Tochter eines indigenen Fürsten. Sie leistete Cortés durch ihr kulturelles Wissen und ihre Beherrschung mehrerer Sprachen, darunter Spanisch und Nahuatl (die Sprache der Azteken), bei seinen Verhandlungen mit den Indigenen unschätzbare Dienste. Ihr schrieb ein Spanier "nach Gott den größten Anteil" an der Eroberung Mexikos zu.

Cortés’ Eroberungszug hatte mit einer Insubordination begonnen. Entgegen dem Befehl des Gouverneurs von Kuba, Diego Velázquez, war er am 10. Februar 1519 mit rund 600 Kämpfern auf 11 Schiffen in Richtung der Halbinsel Yucatán gesegelt. Seine Unternehmung war aus zwei Gründen zum Erfolg verdammt: Erstens, weil die Teilnehmer auf eigene Kosten agierten und diese nur durch die erhoffte Beute wieder einzubringen waren; zweitens, weil Cortés im Fall seiner Ergreifung mit dem Schlimmsten rechnen musste. Dies war ihm auch völlig klar. Seine Berichte an König Karl V. sind Meisterwerke der Selbstrechtfertigung und der Umdeutung seines Tuns zu seinen Gunsten.

Erst im Mai 1519 konnte Cortés seine Unternehmung mit dem notariellen Akt über die Gründung der Vorgängerstadt des heutigen Veracruz auf eine legale Basis stellen. Indem er sich damit der spanischen Krone unterstellte, löste er sich, juristisch betrachtet, aus seiner Bindung an Velázquez. Da kein legitimer Vertreter der Krone anwesend war, fiel die Regierungsgewalt quasi an Cortés und seine Männer zurück. Cortés legte seine Leitungsfunktion nieder, wurde von seinen Männern aber postwendend zum militärischen Oberbefehlshaber (Capitán General) und obersten Richter (Justicia Mayor) gewählt.

Prachtvolle Metropole

Am 16. August 1519 brach Cortés ins Landesinnere auf. Über Tlaxcala erreichte er am 8. November 1519 Tenochtitlan. Der Tlatoani (Priesterkönig) der Azteken, Moctezuma II. (auch Moteuczoma oder Montezuma), bereitete ihm einen feierlichen Empfang. Tenochtitlan lag auf einer Insel im Texcoco-See (heute das Zentrum von Mexiko-Stadt) und war vom Festland her nur über drei große Dämme erreichbar. Mit ihren Kanälen, Gärten, steinernen Palästen sowie geschätzten 200.000 Einwohnern war die Stadt eine der damaligen Weltmetropolen. An Pracht und Größe übertraf sie nahezu alle Städte, welche die Spanier bisher zu Gesicht bekommen hatten.

Modell des Tempelbezirks von Tenochtitlan im Museo Nacional de Antropología, Mexico-Stadt. 
- © CC BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0 / Adam Jones from Kelowna, BC, Canada/ via Wikimedia Commons

Modell des Tempelbezirks von Tenochtitlan im Museo Nacional de Antropología, Mexico-Stadt.

- © CC BY-SA 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0 / Adam Jones from Kelowna, BC, Canada/ via Wikimedia Commons

Den spanischen Quellen zufolge soll Moctezuma in einem Akt der Selbstunterwerfung sich und sein Reich Karl V., als dessen Abgesandter sich Cortés präsentierte, unterstellt haben. Dafür, dass das wohl nicht so war, spricht die Tatsache, dass Cortés den Tlatoani schon wenig später in seine Gewalt brachte, um ihn notfalls als Faustpfand für seine und die Sicherheit seiner Männer verwenden zu können.

Fortan benahmen sich die Spanier wie die Herren im Land. Sie versuchten, Moctezuma zur Annahme des Christentums zu bewegen, ließen auf dem aztekischen Haupttempel christliche Symbole aufstellen und forderten von ihm die Abschaffung der Menschenopfer, welche sie mit Abscheu erfüllten. Vor allem aber waren sie daran interessiert, Gold und andere Reichtümer einzutreiben. Der Unmut der Azteken entlud sich schließlich während Cortés’ Abwesenheit in einem bis dahin beispiellosen Gewaltausbruch. Ausgelöst wurde dieser durch ein Massaker, das die in der Stadt gebliebenen Spanier grundlos an den Teilnehmern eines aztekischen Götterfestes angerichtet hatten.

Moctezuma II. (1466-1520) auf einem Gemälde des 17. Jahrhunderts von Antonio Rodriguez. 
- © Public domain / via Wikimedia Commons / Tesoro dei Granduchi

Moctezuma II. (1466-1520) auf einem Gemälde des 17. Jahrhunderts von Antonio Rodriguez.

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Als Cortés, der eine von Gouverneur Velázquez gegen ihn ausgesandte Strafexpedition abgewehrt hatte, wieder in Tenochtitlan eintraf, war die Stadt im Aufruhr. Die Azteken brachen alle Brücken zum Festland ab, blockierten die Lebensmittelzufuhr und griffen die Spanier fortwährend an. Vermutlich kostete der Versuch, seine Leute zu beschwichtigen, Moctezuma das Leben. Nach dessen Tod konnte Cortés nur mehr den Ausbruch wagen. In der sogenannten "traurigen Nacht" (Noche triste) vom 30. Juni auf den 1. Juli 1520 kämpften sich die Spanier bei strömendem Regen unter riesigen Verlusten aus der Stadt heraus. Mindestens die Hälfte von ihnen (wohl 600 Mann) sowie tausende Tlaxcalteken starben, alle Geschütze und das meiste Gold gingen verloren.

Auf dem Weg nach Tlaxcala stellte sich den Spaniern bei der Stadt Otumba ein großes Aztekenheer entgegen. Ihrer Vernichtung entgingen sie nur dadurch, dass es ihnen gelang, den aztekischen Oberbefehlshaber zu töten, der in seiner prächtigen Aufmachung aus der Masse seiner Krieger herausstach. Damit gaben die Azteken die Schlacht verloren. Wie groß die Bedrängnis der Spanier gewesen sein muss, bezeugen Überlieferungen, die besagen, dass der Heilige Jakob (Santiago) auf seinem weißen Pferd persönlich an ihrer Seite gekämpft und ihnen so den Sieg beschert habe.

In Tlaxcala konnte Cortés seine geschwächte, dezimierte Truppe endlich auffrischen und auffüllen. Für ihn kam nur mehr der militärische Sieg in Frage. Er hatte die logistische Verwundbarkeit der Aztekenhauptstadt erkannt und verfolgte nun eine Strategie der systematischen Abschnürung Tenochtitlans von der Umwelt. Das Aztekenreich wurde so auf seine Hauptstadt und voneinander isolierte Außenposten reduziert.

Vernichtungskrieg

Erst danach begann im Mai 1521 der Angriff auf die Stadt. Dazu konnte Cortés 86 Reiter, über 800 Infanteristen, darunter 118 Armbrustschützen und Arkebusiere, 18 Geschütze und über 20.000 indigene Krieger aufbieten. Als unschätzbarer Vorteil erwiesen sich 13 kanonenbestückte Brigantinen, die er bauen und zerlegt zum Texcoco-See schaffen hatte lassen. Mit diesen konnte der Stadt die Wasser- und Nahrungsmittelzufuhr gesperrt werden.

So heroisch lief die Eroberung von Tenochtitlan nicht ab wie auf diesem Bild eines unbekannten Künstlers aus dem 17. Jahrhundert. 
- © Public domain / via Wikimedia Commons

So heroisch lief die Eroberung von Tenochtitlan nicht ab wie auf diesem Bild eines unbekannten Künstlers aus dem 17. Jahrhundert.

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Was folgte, war ein regelrechter Aushungerungs- und Vernichtungskrieg. In seiner letzten Phase gingen die Angreifer, wie Cortés berichtet, dazu über, "in den Straßen der Stadt alle Häuser zu beiden Seiten nieder[zu]reißen (...), sodass (...) alles verwüstet und das Wasser zu festem Boden gemacht [wurde]".

Nach einem letzten Großangriff fielen Tenochtitlan und Cuauhtemoc, der letzte Aztekenherrscher, am 13. August 1521 in die Hände der Spanier. Laut Bernal Díaz ging an diesem Tag ein furchtbares Unwetter über der Stadt nieder. Es wird zumindest vorübergehend den bestialischen Geruch gemildert haben, der aufgrund der zahlreichen Leichen, die überall herumlagen, über den Ruinen der Stadt hing.

Das eroberte Aztekenreich wurde als Nueva España ("Neu-Spanien") dem spanischen Königreich einverleibt. Die Conquista, die Eroberung Amerikas, ging weiter - und mit ihr die Ausbeutung der gewaltigen Ressourcen des Kontinents, die Spanien zu einem Global Player machten. Die Reichtümer der "Neuen Welt" zogen bald schon Abenteurer und Glücksritter anderer europäischer Mächte an, die diese nicht den Spaniern allein gönnen wollten. Nicht zuletzt diese Konkurrenz der europäischen Mächte beschleunigte die Dynamik der kolonialen Expansion und führte zur "Unterwerfung der Welt" (Wolfgang Reinhard) durch die Europäer.