"Wiener Zeitung": Die Konferenz "Verstörende Orte" in Linz und Innsbruck thematisiert bis Freitag den Umgang mit NS-kontaminierten Bauten. Was verstehen wir darunter? Handelt es sich um restituierte Gebäude, die noch nicht an ihre ehemaligen Eigentümer erinnern, oder Häuser, in denen Nazis gelebt haben?

Karin Harrasser: Wir konzentrieren uns auf Bauten, die in der NS-Herrschaft entstanden sind, eine wichtige Funktion damals hatten und die bis heute genutzt werden. Das sind etwa Amts- oder Repräsentationsgebäude, in denen die strukturellen und bürokratischen Voraussetzungen für strategisches Morden geschaffen wurden. Auch die Linzer Brückenkopf-Bauten, die im Zuge von Hitlers monumentaler Gesamtplanung für Linz als Hauptstadt der Ostmark realisiert wurden und in denen heute die Kunstuniversität untergebracht ist, gehören dazu. Unschuldig ist kein Gebäude aus der NS-Zeit, würde ich sagen, auch zumal die Baumaterialien aus Mauthausen stammen. Es gibt auch Siedlungen in Linzer Stadtteilen, wie Bindermichl oder Urfahr, die NS-Wohnprojekte für die gehobene Schicht waren und heute ganz normal in Gebrauch sind.

Karin Harrasser geboren 1974 in Kufstein, ist Kulturwissenschafterin und Vizerektorin für Forschung der Kunstuni Linz. vog.photo
Karin Harrasser geboren 1974 in Kufstein, ist Kulturwissenschafterin und Vizerektorin für Forschung der Kunstuni Linz. vog.photo

Wie kann eine Erinnerungskultur geschaffen werden?

Es geht uns nicht darum, Gedenktafeln aufzuhängen und es dann gut sein zu lassen, sondern um eine kontinuierliche Auseinandersetzung. Für eine Kunstuni ist das nicht schwer, weil wir Veranstaltungen zum Umgang mit der NS-Zeit machen können. In Gebäuden ohne kulturelle Nutzung ist es natürlich komplizierter - Denkmäler werden schnell unsichtbar.

Was ist das größte Problem? Nehmen wir etwa Hitlers Geburtshaus in Braunau: Die Bewohnerin wurde mit einer Abfindung unter ihren Vorstellungen enteignet und jetzt wird das Haus ohne sichtbares Gedenken umgebaut. Gute oder schlechte Lösung?

Eines der größten Probleme ist, dass Stadtgemeinden oder auch der Bund keine wirkliche Stellung zu derartigen Orten beziehen. Man behilft sich, indem man etwa in Linz den Balkon am Hauptplatz, von dem aus Hitler seine erste Ansprache gehalten hat, so wie sein Pendant auf dem Wiener Heldenplatz mit einem Betretungsverbot belegt. Dadurch gerät er aber nur völlig in Vergessenheit. Unsere Idee wäre, offensiv damit umzugehen, denn wir können diese Orte nicht verstecken oder ignorieren, sondern wir müssen diskursive Umgangsformen finden. Es ist ja keine Option, sie abzureißen, sie sind ja da.

Am Morzinplatz in Wien stand das Gestapo-Hauptgebäude, das man geschleift hat. Würden Sie die Ruine heute als Mahnmal stehen lassen?

Es kommt darauf an, was der Stand der aktuellen Diskussion ist. Es gibt auch Gründe, Dinge abzureißen, aber ich hätte die Tendenz, zu sagen: Lieber stehen lassen und in einen Widerstreit einbeziehen als tilgen einfach aus dem historischen Bewusstsein heraus, diese Orte der Auseinandersetzung zu halten. Ein großes Problem bei solchen Täterorten ist allerdings, dass sie zu Pilgerstätten für rechtsradikale Gruppierungen werden.

Wessen gedenken wir?

Die Bewegung geht zwei Richtungen. Die eine ist, die Erinnerung wach zu halten, was alles passieren kann, und aufzuzeigen wie schnell man aus einer demokratischen Gesellschaft in eine diktatorische, menschenvernichtende gelangen kann. Die zweite Richtung ist das Gedenken an die Opfer. Am Brückenkopfgebäude etwa geht es darum, zu erinnern, wie massiv der Eingriff der Nazis in die Organisation der Stadt war. Linz war in die Verbrechensmaschine eingebunden, von der Errichtung der Hermann Göring-Werke über die Steyr-Waffenwerke bis zur Stahlproduktion. Und auf der Seite der Opfer geht es darum, zu erinnern, wer in den Häusern, die abgerissen wurden um Industrie- und Amtsgebäude zu errichten, gewohnt hat: jüdische Familien, die ermordet wurden. Linz wurde mit einem hohen, grausamen Blutzoll industrialisiert.

Weiter zurück in der Geschichte gibt es historisch belastete Gebäude, die man nicht weiter bespricht: Im Kolosseum wurden zahllose Menschen umgebracht, im Tower von London zahlreiche ungerechtfertigt hingerichtet: Wird das nicht debattiert, weil es zu lange her ist, oder gibt es andere Kriterien der Aufarbeitung?

Klarerweise ist die zeitliche Entfernung ein Faktor. Dass die NS-Geschichte eine enge Verklammerung mit der Gegenwart hat, ist uns heute zwar noch bewusst, aber weiter zurück in der Zeit sind Verbindungen schwieriger herzustellen. Aufzuarbeitende Perioden hängen auch damit zusammen, welche Fragen in der Gegenwart diskutiert werden. Dass die Geschichte der Sklaverei in den USA jetzt wieder so virulent ist, hat damit zu tun, dass es immer noch Rassismus gibt. Und da es in Österreich ein Diskriminierungsproblem gibt, lohnt es, sich mit einer Phase zu beschäftigen, in der dies auf der Tagesordnung stand.

Welchen Wert hat Gedenken, wenn 1.000 Kilometer von Wien entfernt so wie derzeit in Belarus Migranten unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in die Kälte gelockt werden, aber weder über die Grenze nach Polen noch zurück dürfen, weil sie vom Regime mit Waffengewalt bedroht werden?

Wir müssten aufschreien, aber es ist kein Entweder-oder, sondern die historische Aufarbeitung schärft den Blick auf das, was gerade passiert. Wenn wir uns mit Geschichte beschäftigen, können wir lernen, wie sehr Bürokraten oder eine Polizei, die nicht nach Kriterien der Menschenrechte agiert, essenzieller Bestandteil eines Unrechtsregimes werden. Dieses systematische Unrecht sieht man mit bloßem Auge nicht, man kann es aber aus der Geschichte erfahren.