Peter Pongratz (nicht der Maler) war einer der Ersten, die ein tragbares Telefon besaßen. Und er war es auch, der eines Tages - das war in den späten Siebzigern - mit einer Polaroid-Kamera anrückte. Alle stellten sich im Garten schönfeinsäuberlich im Halbkreis auf. Peter drückte auf den Knopf, der erzeugte ein surrendes Geräusch und schon spuckte der Apparat ein feuchtes, taubengraues Blatt aus. "Nur am weißen Rand angreifen und wacheln", wies der technikbegeisterte Familienfreund an. Wir gehorchten und warteten gespannt. Langsam trat etwas in Erscheinung. Man konnte den Himmel erkennen, da es in der oberen Hälfte des Bildes blau war. Unten fand sich eine grüne Fläche, das musste der Rasen sein. Und die schemenhaften Figuren rechts - das waren wir. Alle freuten sich und sagten: "Toll!"

Polaroid-Fotos sind der Inbegriff des Verleugnens von Unschärfe und suboptimaler Farbqualität des Tempos willen. Dennoch lieben wir die Sofortbilder und das Aha-Erlebnis, wenn etwas vor unseren Augen entsteht. Wie der Name sagt, erfüllt die Sofortbildkamera auch ein Bedürfnis, das Psychologen "instant gratification" nennen - das Verlangen nach sofortiger Befriedigung. Erfüllung ohne Verzögerung ist eben beliebter als Belohnung erst in einer Woche, wenn die Fotos entwickelt und per pedes abgeholt sind.

Im Grunde einzigartig

Die SX70 war die erste faltbare Spiegelreflexkamera, die Polaroid von 1972 bis 1981 erzeugte. 
- © Wikimedia Commons

Die SX70 war die erste faltbare Spiegelreflexkamera, die Polaroid von 1972 bis 1981 erzeugte.

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Kommenden Montag wird die populäre Sofortbildkamera 75 Jahre alt. Der US-amerikanische Physiker und Industrielle Edwin Herbert Land erfand sie, nachdem er von seiner Tochter gefragt worden war, warum sie Fotos nicht gleich betrachten könne. Am 21. Februar 1947 stellte er sein Model 95, "Land-Camera" genannt, in New York vor. Sie galt als Meilenstein der Fototechnik und kam, von seiner Firma Polaroid erzeugt, Ende 1948 in den Handel.

Eine Sofortbildkamera ist ein Fotoapparat, der unmittelbar nach dem Auslösen den Papierfilm entwickelt, fixiert und als fertiges Bild auswirft. Dabei kommt nicht etwa ein einfacher Film zum Einsatz, sondern ein Stapel von Papierblättern, dessen lichtempfindliche Schicht der des Negativfilms entspricht. Das Fotomaterial enthält auch die Chemikalien zum Entwickeln. Beim Herausziehen des Abzugs werden diese zwischen Negativ und Positiv verteilt. In Standard-Apparaten entsteht kein weiterverwendbares Negativ. Polaroids für den Hausgebrauch sind im Grunde genommen einzigartig, was wohl auch einen Teil ihres Reizes ausmacht.

Einen Vorläufer der Sofortbildkamera entwickelte schon 1860 der französische Erfinder Jules Andre Gabriel Bourdin für die Firma Dubroni in Paris. Die frühen "Land-Cameras" beruhten auf einem sensiblen Trennbild-Verfahren für Schwarz-Weiß-Fotos. Erst später kamen Fotoapparate für Farbbilder zum Sortiment, die sich leichter bedienen ließen.

1972 brachte Polaroid die faltbare Sofortbild-Spiegelreflexkamera SX-70 auf den Markt, die ein geschossenes Foto automatisch auswirft. Stars wie Andy Warhol, Helmut Newton und Walker Evans lichteten ganze Serien mit der SX-70 ab. Leicht übersteuerte Farben, ihr langsames Verblassen, die Vignette an den Rändern: All dies kreierte eine eigene Ästhetik, die heute übrigens zum Retro-Hype im Multimedia-Bereich beiträgt.

Doch erst als Polaroid Technologien für Profi-Kameras, wie Hasselblad oder Sinar, auf den Markt brachte, wurde das Sofortbild zu einer Methode der Wahl in der Kunst- und Werbefotografie. "Mit den Sofortbildern konnten wir Kunden zeigen, wie das Setting und das Licht aussehen werden", berichtet der Wiener Fotograf Manfred Klimek. "Und es gab Filme, die nicht nur das Positiv, sondern auch das Negativ auswarfen, wodurch man das Foto plötzlich vervielfältigen und dadurch sogar ganze Geschäftsberichte mit Polaroid fotografieren konnte", sagt Klimek. Ein Kleinbild-Rollfilm der Firma hätte die Reportage-Fotografie erleichtert. Einziger Wermutstropfen "dieser großartigen Technologie" seien die hohen Kosten gewesen, "jedoch spielte Geld damals in der Werbung keine Rolle".

Kunst- und Werbefotografie

Spurensucher an Tatorten konnten unkompliziert und schnell Fotos machen, die direkt in Akten oder an Tafeln verwendet werden konnten. Ärzte nutzten sie auf ähnliche Weise für Aufnahmen ihrer Patienten. Von Vorteil waren die Sofortbildkameras auch für Entwicklungshelfer, die in vielen Teilen der Welt keinen Zugriff auf Fotolabors gehabt hätten. Doch die schnellen Bilder, die unter leisem Surren aus der Kamera kamen, hatten auch Nachteile. Hier spielte vor allem der Preis eine Rolle. Polaroids und die Bilder von Konkurrenzmarken waren um ein Vielfaches teurer als jene aus dem Labor. Ab den 1990er-Jahren wurden die analogen Polaroid-Kameras durch Digitalkameras vom Markt verdrängt. Heute erlebt das Sofortbild eine Renaissance in digitaler Form. Mit seinem Smartphone ist der Mensch zum Jäger und Sammler der Bilder geworden. Wir fotografieren nahezu alles, betrachten es sofort und teilen es mit Menschen auf der ganzen Welt. Während Polaroid-Fotografen ihre Bilder mit Feuerzeugen manipulierten, um mehr Rot zu erhalten, oder sie in den Kühlschrank steckten für stärkere Blautöne, klatschen wir heute einen Filter drauf, laden die Bilder dann bei Instagram, Facebook oder Twitter hoch und vervielfältigen sie in gefühlt unendlicher Zahl. "Im Grunde entsprechen die vielfältigen Möglichkeiten des digitalen Sofortbildes dem menschlichen Wesen stärker als jene des Analog-Polaroids. Wir sind extrem sozial und teilen gerne", sagt der Verhaltensforscher Kurt Kotrschal.

Polaroid ging im Zuge der Digitalisierung im Jahr 2001 pleite. Inzwischen aber werden unter dem Traditionsnamen wieder Apparate hergestellt. Vor allem die Idee des oft imperfekten, unrealen und dadurch attraktiven Sofortbildes lebt in Smartphone-Apps weiter: Eine Momentaufnahme, so leicht, als würde man die Welt durch eine Sonnenbrille sehen. Etwas aber lässt das Neue vermissen. "Was verloren ist, ist die professionelle Entwicklung eines Sofortbildes mit Negativ, das also den unmittelbaren Effekt mit Haltbarkeit kombiniert", sagt Klimek: "Ein Negativ geht nicht kaputt, selbst wenn es nass wird."