Sagt ein Mann zu seiner Ehefrau: "Gott sei Dank bin ich Marxist, die Marx-Bücher brennen ewig." Kein Witz, sondern Realität. Denn als in den 1990ern Sarajewo durch bosnisch-serbische Truppen belagert wurde, fehlte es in der Stadt nicht nur an Lebensmitteln, Wasser, Medizin und Strom, sondern auch an Brennstoff. Und da mussten zur Not für die Metallöfen eben auch Bücher herhalten. Mit welchen Mitteln die Bewohner Sarajewos während der Belagerung ihr Leben meisterten, ist Thema von "Überleben in Sarajewo", einer Ausstellung im Museum Arbeitswelt in Steyr, die eine bislang kaum beleuchtete Seite des Kriegs in Jugoslawien in den Mittelpunkt stellt: Nämlich wie dort die Menschen aus unterschiedlichen Volksgruppen zusammen hielten.

Sarajewo, die Stadt zwischen Orient und Okzident, zeugt allein schon durch sein Stadtbild mit seinen vielen Minaretten, Kirchtürmen und Zwiebeltürmchen von multikulturellem Zusammenleben. Während der Belagerung der Stadt im vom Frühling 1993 bis zum Winter 1996 – die längste Belagerung der Neuzeit – wurden 11.541 Bürger der Stadt von Heckenschützen erschossen oder durch Granatwerfer getötet, war die gelebte Vielfalt beendet.


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La Benevolencija
Centropa
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Flucht aus der Stadt

"La Benevolencija" heißt die Hilfsorganisation, die während der Belagerung eine alte Synagoge in ein freies und offenes Haus für alle verwandelte. Nicht der ethnische Hintergrund, sondern Bedarf und Unterstützung stand im Vordergrund. Und auch die Politik blieb draußen. 54 Freiwillige - Juden, Christen, Muslime und Konfessionslose - arbeiteten zusammen, es gab neben Köche, Fahrer, einer Sekretärin unter anderem auch einen Polizisten, einen Anwalt, einen IT-Experten, drei Ärzte und einen Holzhacker. Während der ersten zwei Jahre der Belagerung eröffneten sie drei Apotheken, richteten die einzige Erste-Hilfe-Klinik der Stadt ein, verteilten rund 380 Tonnen Lebensmittel und kochten mehr als 100.000 warme Mahlzeiten. 2.300 Menschen verhalfen sie mittels Rettungskonvois zur Flucht aus der Stadt.

Zu sehen sind in der Ausstellung "Überleben in Sarajewo" Fotografien, Texte und Videos aus der Zeit, in acht Kapiteln und auf Stelltafeln gegliedert. Auch wenn auf dreidimensionale Schauobjekte verzichtet wurde, gelingt ihr ein konzentrierter und lebendiger Zugriff auf ein komplexes zeitgeschichtliches Thema - dafür sorgen vor allem die Fotos von Edward Serotta, Gründer des in Wien ansässigen Vereins Centropa, der jüdisches Leben in Ost- und Mitteleuropa erforscht und dokumentiert.

Serotta berichtete als Journalist während der Belagerung Sarajewos von dort. Dokumentiert hatte er damals auch, wie in der aktuellen Ausstellung zu sehen ist, zum Beispiel das Schicksal eines jungen Moslems, der als Wasserträger für die jüdische Gemeinde arbeitete und im Februar 1994 mit einem Rettungskonvoi der Organisation des American Jewish Joint Distribution in ein israelisches Auffanglager gebracht wurde. Fünf Jahre blieb er in Israel, machte dort seinen Schulabschluss und nach einer kurzen Zeit in den USA kam er nach Wien, wo er seither im Jüdischen Museum tätig ist. Im Jänner 1994 wurde er in Sarajewo bei einem Mörserangriff auf sein Wohnhaus verletzt, die Fotos zeigen sein schmerzverzerrtes Gesicht, als Glassplitter aus seinem Rücken entfernt werden.

Die Ausstellung über "La Benevolencija " stehe für das, was der Krieg vernichtet hat, sagt der Politiker und Diplomat Wolfgang Petritsch, bis 2002 Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, in seiner Festrede bei der Eröffnung der Ausstellung. Denn sie zeige, "dass sogar in der größten Katastrophe, die ein Krieg darstellt, Menschlichkeit überlebt."