Ein Blick in die Werkstatt des Flüchtlingslagers El-Shatt in Ägypten. - © UNRRA/ archives.un.org
Ein Blick in die Werkstatt des Flüchtlingslagers El-Shatt in Ägypten. - © UNRRA/ archives.un.org

Das Urteil des Mitarbeiters einer Flüchtlingsorganisation ist vernichtend: "Sie haben nur wenig Sinn für persönliche Hygiene und neigen dazu, sich über ihr Essen zu beschweren", schreibt er über jene Migranten, die zu Tausenden in Booten übers Mittelmeer kommen. Statt zu arbeiten, würden die Flüchtlinge faul in der Sonne liegen und Essen aus der Kantine in ihren Zelten horten. Um Ordnung zu bewahren, sehe man sich gezwungen, "Taschengeld zurückzuhalten und Besucherrechte zu entziehen".

Diese Zustände bestätigen jedes Klischee heutiger Flüchtlingsgegner und haben dennoch nichts mit der Krise dieser Tage zu tun. Ein Mitarbeiter der Flüchtlingsorganisation "United Nations Relief and Rehabilitation Administration" (UNRRA) hat die Beschwerde am 10. Mai 1944 im ägyptischen Moses Wells aufgeschrieben. Die Menschen, an denen er kein gutes Haar lässt, sind Europäer, die vor der Wehrmacht in den Nahen Osten geflüchtet sind.

Mehrere Mitarbeiter von UNRRA und der britischen Hilfsorganisation "Middle East Relief and Refugee Administration" (MERRA) haben 1944 ihre Eindrücke festgehalten. Heute geben ihre Telegramme Einblick in ein Kapitel europäisch-nahöstlicher Fluchtgeschichte, das trotz unterschiedlicher Vorzeichen Parallelen zur heutigen Zeit zeigt.

Das europäische Zentrum der Flüchtlingskrise ist auch damals der Balkan. Als im Frühjahr 1944 Griechenland unter die Kontrolle der deutschen Wehrmacht sowie verbündeter italienischer und bulgarischer Truppen gerät, bietet die geografische Nähe zwischen den griechischen Ägäis-Inseln und dem türkischen Festland zehntausenden Menschen die letzte Chance zur Flucht.

Fahrt in Fischerbooten

Es sind überfüllte Fischerboote, die zwischen griechischen Inseln und türkischem Festland pendeln. In einem dieser Boote sitzt Bouena Sarfatty. Die 1916 geborene Jüdin lebt im griechischen Thessaloniki, als die Wehrmacht am 9. April 1941 einmarschiert. Die Mitarbeiterin des Roten Kreuzes wird wegen angeblicher Verbindungen zu griechischen Partisanen inhaftiert, kann fliehen und schließt sich tatsächlich dem Widerstand an. Ihr neuer Job: jüdische Kinder in den Nahen Osten bringen, um sie so vor den Nazis zu retten.

Dutzende, vielleicht hunderte Menschen rettet sie. Nach der Fahrt über die Ägäis geht es vom türkischen Çeşme per Anhalter weiter in die Großstadt Izmir. Von dort aus reisen Sarfatty und Tausende andere in eine Stadt, die für viele europäische Flüchtlinge zum ersten Mal nach langer Flucht Ruhe und Sicherheit verspricht: Aleppo.

Britische Truppen haben in Syrien, Palästina und Ägypten neun Flüchtlingslager aus dem sandigen Boden gestampft. Ein alter Transitbahnhof für Mekka-Pilger am Roten Meer wird zu Camp Moses Wells und bietet 2000 Europäern Schutz. Im heutigen Gazastreifen ist es ein Militärstützpunkt australischer und polnischer Truppen, der als Flüchtlingslager Nuseirat bis zu 10.000 Menschen Zuflucht bietet. Und östlich des Suezkanals kann das Camp El-Shatt bis zu 20.000 Menschen aufnehmen.

Das 1000-Mann-Camp von Aleppo, das vom britischen Armeegeheimdienst betrieben wird, dient als eine Art Erstaufnahmeeinrichtung jener Tage. Die Unterbringung ist erstaunlich komfortabel: Von "Steinhütten mit Metalldach", teils sogar mit eigenem Ofen, ist in einem Bericht der UNRRA die Rede. "Einrichtungen für Postsendungen, Telefonie und Telegrafie stehen zur Benutzung durch die Flüchtlinge zur Verfügung", stellt ein UNRRA-Mitarbeiter fest.

Lediglich die "üblichen Zensur- und Sicherheitsbestimmungen" würden die Nutzung einschränken. Und dann ist da noch die nahe gelegene Stadt Aleppo mit ihren Geschäften und dem Kino. Zwar sind Ausflüge eigentlich nur von 10 bis 13 Uhr vorgesehen, doch werden diese unter Berücksichtigung des Kinoprogramms manchmal verlängert.

In der Zeit des jüdischen Chanukka-Festes 1943 trifft Bouena Sarfatty in Aleppo ein. Auch ihre Aufzeichnungen bestätigen den Eindruck, dass es sich als Flüchtling in Aleppo ganz gut leben lässt. In einigen Versen hat Sarfatty, die später vor allem für ihre Gedichte bekannt wurde, die Folgen des Festes festgehalten:

"In Aleppo haben wir eine gute Zeit

selbst im Badezimmer sind
Kameraden

Lasst uns trinken auf die
Gesundheit

all der Flüchtlinge, die Durchfall haben."

Dreimal täglich erhalten die Mi-granten in der Kantine des Lagers kostenlose Mahlzeiten. Im Lager-Shop gibt es Tee, Kaffee, Obst, Zigaretten und sogar Bier. Auch ein kleines Taschengeld erhalten die Europäer: 15 ägyptische Piaster bekommt ein allein reisender Flüchtling pro Woche von der Lagerverwaltung. Nach heutiger Kaufkraft entspricht das etwa sieben Euro. Arbeiten muss niemand: "Es gibt keine Politik, körperlich fitte Flüchtlinge zur Arbeit zu zwingen", berichtet ein Beamter im Mai 1944 an seine Vorgesetzten.

Weiter in die Lager

Der größte Nachteil des Aufenthalts in Aleppo: Er ist schnell wieder vorbei. Von den rund 1000 Menschen, die monatlich am Bahnhof der Stadt ankommen, verbringen die meisten hier nur ein paar Tage. In Zügen geht es dann weiter in die überfüllten Lager in Palästina und Ägypten.