Auch die exakte Uhrzeit lässt sich damit gleichsam "vom Himmel ablesen". Jeden Tag zieht Bouris eine Hohlkugel zur Spitze des weithin sichtbaren Masts auf dem Nymphenhügel hoch. Zur vollen Mittagsstunde lässt er den Zeitball herabstürzen. Die Athener stellen ihre Uhren danach, ebenso die Navigatoren im Hafen von Piräus.

Doch Georg Bouris ist unzufrieden, weil er "noch immer ganz allein das sämtliche Personal" dieser Sternwarte stellt. Der Nymphenhügel müsse eigentlich "Skorpionen-, oder Tarantel-, oder Skolopender-, oder am passendsten Fliegenhügel heißen", klagt er, "weil unvertilgbare Myriaden von Fliegen aus den nahen Schlächtereien die Instrumente trotz aller Beschirmung allmählich in einen gräulichen Zustand versetzen." Tatsächlich kehrt er der Sternwarte nach acht Jahren Arbeit den Rücken. Wie es heißt, leide er an den Folgen eines klimatischen Wechselfiebers, also offenbar an Malaria. Bouris stirbt 1860 in Wien.

Der wohlhabende Sternwartegründer Georg Sina ist Bouris um vier Jahre vorangegangen. Sein Sohn Simon hat das Licht der Welt am 15. August 1810 in Wien erblickt, später Philosophie und Astronomie studiert. Für den österreichischen Lexikografen Constantin Wurzbach tritt Simon Sina weniger als Besitzer unermesslicher Reichtümer in Erscheinung, sondern "vielmehr als Benützer derselben zu den edelsten Zwecken". So lässt er z.B. die Athener Akademie errichten; und zwar wieder von Theophil Hansen. Dieser baut auf Simons Rechnung auch die (heute noch vorhandene) griechisch-orthodoxe Kirche am Wiener Fleischmarkt um.

Im Bann des Mondes

Mit der weiteren Leitung der Athener Sternwarte betraut Sina den aus Schleswig-Holstein stammenden Julius Schmidt. Der Glasersohn hatte schon im Alter von 14 Jahren ein Werk mit Kupferstichen der Mondoberfläche in Händen gehalten.

Der Mond zog ihn fortan in seinen Bann. Mit dem vom Vater gebauten Fernrohr schaute Justus ab 1840 selbst zu ihm hoch: an Laternenpfähle gelehnt, vom Hofplatz, vom Dachboden oder sogar vom Schornstein des elterlichen Hauses aus. Später arbeitete er an den Teleskopen der Sternwarten in Altona, Hamburg, Bilk, Bonn und Olmütz.

1858 langt Schmidt in Athen ein. Er findet die Instrumente des Observatoriums in einem bemitleidenswerten Zustand vor. Wieder instand gesetzt, zeigt ihm Plößls großes Teleskop bei 300-facher Vergrößerung aber "unermessliches Detail" auf dem Erdtrabanten. Schmidt nutzt die harten Schatten der Mondkrater, um die Höhen ihrer steilen Wälle zu bestimmen.

Die damals beste Mondkarte ist im Druck 95 cm groß und stammt aus dem Jahr 1836. Sie wurde vom deutschen Bankier Wilhelm Beer und dem Pädagogen Johann Heinrich Mädler gezeichnet. Schmidts Karte erscheint 1878 in Berlin. Sie ist rund doppelt so groß und zeigt mit über 30.000 Kratern auch wesentlich mehr Detail. Das Werk verschafft seinem Autor und der Athener Sternwarte höchste Anerkennung.

Am Morgen des 7. Februar 1884 findet man Direktor Schmidt tot im Observatorium. Er wird unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt. Schon acht Jahre zuvor, am 15. April 1876, ist Simon Sina in Wien gestorben. Mit seinem Ableben versiegen die Mittel für die Sternwarte. Sie wird ab 1884 von Demetrios Kokkidis geleitet, der sein Astronomiestudium in Berlin absolviert hat - damals noch mit einem Stipendium der Familie Sina.

Die Vermessung

Das Königreich Griechenland soll vermessen werden. Weil geschultes Personal fehlt, bittet man Österreich-Ungarn um Hilfe. Offiziere des k.k. Heeres stecken 1889 eine Basislinie in Eleusis ab und überziehen das Land dann mit einem Netz aus Dreiecken. Dieses muss an einen Punkt mit genauestens bekannten geografischen Koordinaten angeschlossen werden: Dank der Vorarbeiten von Bouris bietet sich da vor allem die Athener Sternwarte an.

Der Projektleiter, Oberstleutnant Heinrich Hartl, schwärmt vom Ausblick, den er vom Observatorium aus genießt: auf die Akropolis, den wohlerhaltenen Theseustempel oder auf die moderne Stadt mit dem schroffen Felskegel des Lykabettus im Hintergrund. Dies erwecke "die erhabensten Erinnerungen an eine Kulturepoche, die uns heute noch mit staunender Bewunderung erfüllt", resümiert Hartl: "Welches zweite Observatorium der Welt könnte sich eines solchen Horizonts rühmen?"

1890 wird die Sternwarte in ein staatliches Institut umgewandelt. Sie heißt seither Nationalobservatorium Athen (NOA). Die beiden historischen, einst in Wien gefertigten Teleskope stehen noch auf dem Nymphenhügel. Ein wissenschaftsgeschichtliches Museum stellt dort außerdem Uhren, Himmelsgloben, Barometer und Instrumente zur Landvermessung aus dem 19. Jahrhundert vor. Darunter entdeckt man auch Geräte, die Georg Bouris seinerzeit aus Österreich mitgebracht hat.