Ersatz-Organe auf Abruf: menschliche Herzzellen im Bio-Reaktor. - © Bernhard Jank/Ott Lab/Mass. General Hospital
Ersatz-Organe auf Abruf: menschliche Herzzellen im Bio-Reaktor. - © Bernhard Jank/Ott Lab/Mass. General Hospital

Schon 2020 werden auf der Welt mehr über 65-Jährige als Kinder leben. Doch die Organe haben nur eine begrenzte Lebensdauer. Berechnungen zufolge soll jeder dritte Mensch einmal ein Transplantationskandidat sein wegen des Endversagens eines Organs, aber es werden viel zu wenige Spenderorgane zur Verfügung stehen. Bereits 2015 starben 3,2 Millionen Menschen weltweit an chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, jedoch konnten nur rund 5000 Lungentransplantationen durchgeführt werden: Diese Zahlen nennt der aus Tirol stammende und in Boston tätige Herz-Thorax-Chirurg Harald Ott. Er züchtet Ersatzorgane für chronisch kranke Menschen.

Bei den Gesundheitsgesprächen des Forum Alpbach hielt Ott einen Vortrag mit dem Titel "Organe auf Abruf: Heilung chronischer Krankheiten mit Stammzellen und Organtechnik". Der "Wiener Zeitung" gab er Einblicke in eine Zukunft, die den Mangel an Spenderorganen beheben könnte.

"Wiener Zeitung":Organversagen hat sich durch die steigende Lebenserwartung zu einer Form von Epidemie entwickelt. Sie wollen dies mit lebenden Implantaten heilen. Wie funktioniert das?

Harald Ott (42), geboren in Innsbruck, studierte an der Medizinuniversität ebenda und machte eine Fachausbildung an der Universitätsklinik für Chirurgie. Am Zentrum für Zelltherapie der University of Minnesota in den USA entwickelte er ein Verfahren, um Zellen aus den Herzen von toten Tieren zu spülen und die verbliebene Struktur wieder mit gesunden Zellen zu besiedeln. Harald Ott leitet an der Universität Harvard im US-Staat Massachusetts das Ott Lab zur Züchtung von Ersatzorganen für chronisch kranke Menschen. - © Massachusetts Gen. Hospital
Harald Ott (42), geboren in Innsbruck, studierte an der Medizinuniversität ebenda und machte eine Fachausbildung an der Universitätsklinik für Chirurgie. Am Zentrum für Zelltherapie der University of Minnesota in den USA entwickelte er ein Verfahren, um Zellen aus den Herzen von toten Tieren zu spülen und die verbliebene Struktur wieder mit gesunden Zellen zu besiedeln. Harald Ott leitet an der Universität Harvard im US-Staat Massachusetts das Ott Lab zur Züchtung von Ersatzorganen für chronisch kranke Menschen. - © Massachusetts Gen. Hospital

Harald Ott: In den vergangenen 20 bis 30 Jahren ist es gelungen, akute Erkrankungen immer effektiver zu bekämpfen und die menschliche Lebensdauer zu verlängern. Dafür spielen Organ-Insuffizienzen eine immer größere Rolle. Ich habe eine Technologie entwickelt, um Organe aufzubauen. Anstatt von Grund auf zu beginnen, nutzen wir vorhandene Strukturen. Wir waschen die Zellen mit einer Seifenlösung aus Kadaver-Organen, behalten nur das Grundgerüst und besiedeln dieses mit Zellen.

Ohne Gerüst keine Funktion?

Genau. Jedes lebende Gewebe besteht aus einer Architektur und aus Zellen, die ihr die Funktion verleihen. Im Mutterleib wächst beides gemeinsam im Embryo von Grund auf heran. Später ist das aber nicht mehr der Fall. Wir hatten die Idee, Organgerüste von toten Schweinen für Lungen, Herz oder Nieren zu nehmen und die Matrix neu zu besiedeln. Seitdem arbeiten wir im Labor daran. Seit der japanische Stammzellforscher und Nobelpreisträger Shin’ya Yamanaka nämlich eine Methode entwickelt hat, um erwachsene, spezialisierte Körperzellen in alles könnende, embryonale Stammzellen (iPS-Zellen) zurückzuverwandeln, haben wir die Bausteine, um spezialisiertes Gewebe nach Bedarf herzustellen. Momentan entziffern wir aber noch jene Schritte in der Entwicklungsbiologie, die nötig sind, damit spezialisiertes Gewebe - also Herz, Lunge oder Nieren - richtig wächst. Mit diesen Bausteinen ließe sich das machen.