Das Coronavirus soll, glaubt man so mancher Quelle, aus einem Labor stammen. Ob aus einem amerikanischen oder chinesischen, darüber scheiden sich die Geister. Vielleicht wurde Sars-CoV-2 auch von Wirtschaftsmagnaten entwickelt, um mit Arzneien das große Geld zu machen. Seit Wochen kursieren im Internet alternative Thesen über die Ursache für die Ausbreitung des neuen Erregers. Für viele Menschen sind solche Theorien reizvoll. Der Historiker Claus Oberhauser von der Universität Innsbruck und der Pädagogischen Hochschule Tirol über die Ursachen von Verschwörungstheorien.

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"Wiener Zeitung":Warum brauchen Menschen Verschwörungstheorien?

Carl Oberhauser: In Krisenzeiten stehen althergebrachte Muster auf dem Prüfstand. Meistens begibt man sich dann auf die Suche nach einem neuen Sinn. Verschwörungstheorien werden dann zum Sinngebungsangebot.

Claus Oberhauser ist Historiker. Er ist an der Universität Innsbruck und der Pädagogischen Hochschule Tirol tätig.  - © PH Tirol
Claus Oberhauser ist Historiker. Er ist an der Universität Innsbruck und der Pädagogischen Hochschule Tirol tätig.  - © PH Tirol

Woher kommen sie?

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Verschwörungstheorien vor allem in Zeiten großer Krisen, auch anhaltend, verbreitet werden. Ob das die Pest im 14. Jahrhundert, die Französische Revolution oder ein Ereignis wie 9/11 war. Anhand solcher historischer Marker sehen wir das gut.

Wie kann ich mir sicher sein, dass es sich um eine solche Theorie handeln könnte?

Es gibt fünf Merkmale als Hinweis. 1. Nichts ist, wie es scheint: Der Blick hinter die Kulissen oder unter die Oberfläche offenbart neue Zusammenhänge. 2. Es gibt keine Zufälle. Alles hat eine extreme Ursache und Wirkung. 3. Alles ist miteinander verbunden. 4. Eine Gruppe, der diese Verschwörung genutzt hat. 5. Die starke Betonung des Begriffs "Wahrheit". Dann gibt es noch die Ebene der Medien. Formate wie "infowars" oder "truth movement" - etwa im englischsprachigen Raum -, die vorwiegend über YouTube und Soziale Medien Experten vorführen, die wir sonst eigentlich nicht als Experten kennen, bauen bewusst eine Gegenöffentlichkeit auf.

Was macht das mit uns?

Auf Dauer ist das höchst problematisch. In Krisenzeiten muss man auch offiziellen Meldungen vertrauen können. Haben wir dann diese Parallelüberlieferung, kann es zu einer Destabilisierung des Systems kommen.

Nehmen die Phänomene zu/ab?

Es gibt verschiedene Katalysatoren: Krisen, große Ereignisse oder der Tod einer berühmten Persönlichkeit. Da nimmt es extrem zu. Eine besondere Katalysatorfunktion hat das Internet, das Verschwörungstheoretiker sichtbarer macht. Durch das Teilen entsteht eine extreme Vernetzung - und eine Gegenöffentlichkeit.

Die wem nützen kann?

Aus der Forschung wissen wir, dass man mit Verschwörungstheorien Geld verdienen kann. Das ist ein bisschen das Zynische. Die Leute werden bekannt, schreiben Bücher, die sich gut verkaufen. Die YouTube-Videos haben extrem viele Klicks - auch dadurch lässt sich Geld generieren. Mit Vorträgen füllen die Leute riesige Säle bis hin zu Stadien. Der klassische Fall ist aber eine Person, die eine Art von Erweckungserlebnis hatte und eine Art starker persönlicher Krise. Das geht in die Psychopathologie hinein.

Wie präsentiert sich ein Verschwörungstheoretiker?

Immer in diesem Moos der Wahrheit, dass er derjenige ist, der weiß, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das ist eine wichtige, dominante Formel. Ein Verschwörungstheoretiker zweifelt nicht an seiner Theorie, sondern an den Dingen draußen.

Aus welcher Motivation heraus?

Viele kämpfen für ihre Überzeugung. Wenn diese Leute eine Art Erweckungserlebnis hatten, sind sie Fanatiker. Ein Fanatiker würde immer relativ blind für die Sache kämpfen, an die er glaubt. Die Forschung geht davon aus, dass Verschwörungstheoretiker und Menschen, die stark an Religion glauben, ganz starke Persönlichkeitsstrukturen aufweisen.

Was kann ein solches Erlebnis sein?

Oft beginnt es mit einer persönlichen Krise, verdichtet sich in eine gesamtgesellschaftliche Krise und dann findet man bestimmte Dinge. Man meint, das kann kein Zufall sein, und man merkt, vieles ist verbunden. Interessanterweise deuten Meinungsumfragen darauf hin, dass mindestens die Hälfte aller Europäer und Amerikaner an eine Verschwörungstheorie glauben.

Gibt es eine prägende Verschwörungstheorie aus der Geschichte?

Zur Zeit der Französischen Revolution hat sich die Theorie entwickelt, dass Freimaurer und Illuminati hinter allem stecken. Auch die Zeit des Antisemitismus mischt dabei mit. Dass die Geheimgesellschaft, ein jüdischer Magnat dahintersteckt. Diese Theorien kommen immer wieder. Im Eigentlichen entstammt das dem 18. Jahrhundert. Das Verschwörungsdenken ist das Erbe der Aufklärung - nicht die Demokratie.

"Wir hinterfragen kritisch", heißt es.

Die Frage ist, wo sind die Grenzen kritischen Denkens. Wenn es immer nur darum geht, eine Verschwörung aufzudecken und einen Sündenbock zu suchen, dem das auch noch genützt hat, ist das eine problematische Denkweise. Kritisches Denken bedeutet multiperspektivisches Denken und nicht monoperspektivisch. Wenn ich von vornherein weiß, die Verschwörung ist schuld, und am Ende des Denkprozesses kommt wieder eine Verschwörung heraus, habe ich nichts Neues gemacht - und auch nicht kritisch hinterfragt.

Soll man sich vor Verschwörungstheorien schützen?

Man kann es nicht einschränken. Jeder soll auch die Möglichkeit haben, seine Meinung kundzutun. Das macht eine Demokratie aus. Es muss nur klar sein, wo ist die Grenze und wo die Richtschnur. In Südtirol etwa wird oft behauptet, dass es Viren gar nicht gibt. Das ist eine extreme Verharmlosung der Situation und hochgefährlich. Eine Krise heißt, es gibt keine Lösungen. Und wir haben wirklich keine. In Zeiten, wo es keine Antworten gibt, ist es manchmal so, dass die Verschwörungstheorie das attraktivere Angebot ist. Es hat auch alle Ingredienzen eines Kriminalfalls.

Warum kann ich Ihnen glauben?

(lacht) Das ist eine gute Frage und gemein, weil von mir gibt es auch YouTube-Videos. - In den letzten vier Jahren habe ich mit einem ganzen Kollektiv an Wissenschaftern verschiedener Disziplinen ein riesengroßes Projekt geleitet, wo es genau darum geht. Verschwörungstheoretiker würden wieder sagen: "Aber es ist doch von der EU finanziert worden." Ja, ist es auch. (lacht) Wir haben vor einem Monat ein großes Handbuch über Verschwörungstheorien publiziert - der Letztstand der Forschung. Ich bin auf jeden Fall kein Arzt und trete in YouTube auf und sage, es ist alles gar nicht so schlimm.