Die Intensivmedizin rettet Leben und ermöglicht Eingriffe. Die Corona-Pandemie hat das Fach weltweit in den Fokus gerückt, seine Bedeutung aufgezeigt, aber auch seine Machtlosigkeit in gewissen Situationen. Über Möglichkeiten und Grenzen, nötige Veränderungen und nicht zuletzt den Umgang mit Covid-19 spricht zum Tag der Intensivmedizin am 20. Juni Walter Hasibeder, Ärztlicher Leiter der Abteilung im Krankenhaus Zams und künftiger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin, im Interview mit der "Wiener Zeitung". Der Experte hat 21 Patienten mit Sars-CoV-2-Infektionen betreut - 18 davon erfolgreich.

"Wiener Zeitung": Warum hat es Corona gebraucht, um die Intensivmedizin sichtbar zu machen?

Walter Hasibeder: Der Chirurg repariert, was kaputt ist und das sieht man. Aber was wir machen, sieht man kaum. Die Leute haben zudem eine Aversion gegen Geräte und Schläuche. Man vergisst aber, dass wir heute in der Lage sind, Erkrankungen und schwere Traumata zu überleben, die früher in keiner Weise überlebbar waren. Auch haben wir die Möglichkeiten für die Chirurgie erweitert. Heute liegt die Intensivmortalität bei 17 bis 18 Prozent im Gegensatz zu 60 Prozent von vor einigen Jahren. Das Problem, das wir heute haben: Man muss sich überlegen, was Sinn macht. Denn es gibt keine Grenze mehr für die Anästhesie und die folgende Intensivmedizin.

Covid-19 hat deutlich gemacht, dass es eine Grenze zwischen machbar und machtlos gibt. Wie viel wurde in den vergangenen Jahren machbar?

Heute wissen wir, was wir alles schaffen können. Wir hatten in Zams 18 Covid-19-Patienten, die wir vollkommen ausbehandeln konnten. Die drei, die verstorben sind, waren massiv vorerkrankt. Wir haben medikamentös und auch mit dem Monitoring unglaublich viele Möglichkeiten.

Wenn bei Covid-19 so viel machbar ist, scheitert es dann an der Infrastruktur, dass andernorts so viele sterben?

Ja. Da ist Österreich eine Insel der Seligen. Natürlich hat uns die Politik durch die strikten Lockdown- und Quarantäne-Maßnahmen sehr geholfen. Dadurch waren wir nie zur Triagemedizin gezwungen. Es galt immer noch das First-Come-First-Serve-Prinzip. In der Lombardei gibt es 400 Intensivbetten für eine Population von zehn Millionen Menschen. Die haben triagieren müssen. Da kommt ein älterer, vorerkrankter Patient gar nicht mehr in den Genuss einer Intensivmedizin. Dennoch brauchen wir in Österreich mehr Ärzte und auch mehr ausgebildetes Pflegepersonal.

Walter Hasibeder ist Ärztlicher Leiter im Krankenhaus Zams und künftiger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin. B&K/apa Fotoservice/Reither
Walter Hasibeder ist Ärztlicher Leiter im Krankenhaus Zams und künftiger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin. B&K/apa Fotoservice/Reither

Es gibt also den vielzitierten Ärztemangel? Andererseits hört man auch Stimmen, dass man die Intensivkapazitäten weiter reduzieren soll.

Die Feuerwehr will ja auch niemand abschaffen. Hier ein Beispiel: Zams ist ein Bezirkskrankenhaus mit den Schwerpunkten Traumatologie und Chirurgie. Es gibt Zeiten, da sind die Intensivkapazitäten erschöpft. Etwa im Winter, wenn von den Schigebieten jeden Tag Schwerverletzte kommen. Andererseits sind wir jetzt nach der Covid-19-Krise nicht besonders ausgelastet. Nur deswegen, weil wir in manchen Zeiten eine schlechtere Auslastung haben, Betten und Personal zu reduzieren, wäre verfehlt. Die Krise hat auch gezeigt, wie wichtig eine ausreichende Intensivkapazität ist.

Welche Auswirkungen kann eine unzureichende intensivmedizinische Infrastruktur haben?

Dass Operationen verschoben werden oder sie werden durchgeführt und die Patienten danach nicht adäquat versorgt. Hohe Mortalitäten hat man laut EU-Statistik vorwiegend in Staaten mit unzureichender Intensivkapazität.

Für Patienten ist sozialer Kontakt wichtig. Das war zuletzt nicht möglich. Gibt es Lösungsansätze, wie man in Zukunft mit solchen Ausnahmesituationen umgehen kann?

Ich glaube nicht. Aktuell kann zumindest ein Angehöriger täglich ins Krankenhaus kommen. Auf der Intensivstation sind wir liberaler. Doch wenn es etwa der Vogelgrippe gelingt, von Mensch zu Mensch überzuspringen, wird man wieder in Schutzkleidung wie die Astronauten herumrennen und niemanden hereinlassen können. Das ist eine unglaubliche Belastung für die Patienten, die Angehörigen, aber auch für das Personal. Es ist schrecklich.

Wann wird es ein Mittel gegen Covid-19 geben, das als Durchbruch gilt?

Ich glaube, das Wundermittel wird es nicht geben. Je früher man Virustatika wie Remdesivir einsetzt, umso eher kann man den Verlauf abmildern. Aber im Vollbild einer Covid-19-Erkrankung kann man mit solchen Mitteln überhaupt nichts mehr erreichen. Das zeigen auch bisherige Studien. Dass Dexamethason so eine Wirkung hat, wie berichtet wurde, kann ich mir nicht vorstellen. Diese Steroide geben wir in Stressdosen beim septischen Schock schon lange. Das hat einen Bart wie der Weihnachtsmann. Den berichteten Erfolg kann ich mir nicht so ganz vorstellen. Zu denken, dass man in ein komplexes System eingreift, indem man an einer einzigen Schraube dreht, und sich dann alles verbessert, ist höchstgradig naiv. Ich würde mich aber gerne täuschen. Was es geben wird, ist ein Impfstoff. Da hoffe ich, dass wir bis nächsten Sommer einen haben.

Wird eine zweite Welle kommen?

Ich denke, dass immer wieder Herde aufpoppen werden - zumindest lokal. Problematisch ist, dass die Menschen das Ganze viel zu locker nehmen. Man hat auf der Straße den Eindruck, als hätte es die Erkrankung nie gegeben. Jeder meint, er ist immun dagegen. Aber das stimmt eben nicht. Auch Junge können schwer erkranken, oder Ältere anstecken, die dann schwer erkranken. Ich hoffe, dass wir bald eine Impfung haben. Dass diese uns zumindest vor der schwersten Erkrankungsform schützt.