Mein Mann hat sich mit Covid angesteckt, aber ich nicht. - Oder: Unsere Jüngste hat sich in der Schule infiziert und wir alle lagen darnieder, nur meine Frau blieb gesund.

Berichte wie diese sind keine Seltenheit, auch da die Impfung gegen Sars-CoV-2 ihre Wirkung zeigt. Sie verringert die Viren-Dosis und mindert so die Gefahr einer Ansteckung. Wer den Infektionsschutz durch das Vakzin auf dem Höhepunkt erwischt, kann nicht nur schweren Verläufen, sondern auch der Krankheit selbst entgehen. Wer zusätzlich bestimmte genetische Voraussetzungen mitbringt, ist möglicherweise sogar noch besser geschützt. So viel weiß, ganz grob zusammengefasst, die Wissenschaft über Immunität gegen Corona. Im Detail ist es freilich komplexer.

"Drei Mal gegen Sars-CoV-2 geimpfte Menschen, die sich infizieren, scheiden Viren weniger lang aus als Ungeimpfte. Sie sind auf der einen Seite um ein Drittel weniger ansteckend und tragen auf der anderen Seite ein nur 50-prozentiges Risiko, sich anzustecken", sagt Judith Aberle, Stellvertretende Leiterin des Zentrums für Virologie der Medizinischen Universität Wien. Eine Studie der dänischen Gesundheitsbehörde SSI bestätigt, dass sich pro Haushalt, dessen Mitglieder drei Mal geimpft sind, nur jeweils um die 25 Prozent der Menschen mit der Omikron-Variante infizieren. "Wir wissen weiters aus früheren Studien, dass 20 Prozent der Infizierten etwa für 80 Prozent aller weiteren Infektionen verantwortlich sind", sagt Aberle.

Nicht alle sind ansteckend

Zusammengefasst zur Resistenz durch Vakzin: Geboostert Geimpfte bilden geringere Viruskonzentrationen und scheiden weniger Viren-Partikel aus, da sie Antikörper auf den Schleimhäuten von Nase und Rachen bilden, die die Entstehung von infektiösen Viren-Partikeln unterbinden. Hinzu kommt der 90- bis 95-prozentige Schutz vor schwerem Verlauf. Allerdings bekommen auch zahlreiche Ungeimpfte kein Covid-19. Einer Theorie zufolge könnten sie dies nicht bloß dem Zufall zu verdanken haben, sondern auch vorherigen Infektionen mit ganz gewöhnlichen Erkältungs-Coronaviren, die seit Jahren kursieren. Laut einer im Fachjournal "Nature" publizierten Studie haben solche Menschen ein Immungedächtnis, das die T-Zellen gegen Sars-CoV-2 aufmarschieren lässt.

T-Zellen können eine Infektion grundsätzlich nicht verhindern. Wenn sie jedoch virusinfizierte Zellen erkennen, werden sie aktiv und können den Krankheitsverlauf beeinflussen, indem sie die infizierten Zellen abtöten, bevor sich das Virus weiter ausbreitet. T-Zellen regulieren die virusspezifische Immunantwort auch, indem sie dafür sorgen, dass neutralisierende Antikörper und Gedächtniszellen gebildet werden. "Im Blut von Geimpften und Genesenen finden wir T-Zellen, die gegen Sars-CoV-2 wirken und es schneller eliminieren", erklärt Aberle.

Freilich hängt die Frage, ob man sich infiziert oder nicht, auch am Verhalten. Wer regelmäßig lüftet und Masken in Innenräumen trägt, ist besser geschützt, zumal auf diese Weise zwischenzeitlich weniger Viren zirkulieren.

Schützende Gen-Mutationen

Gewissermaßen fundamentaler als das Verhalten sind gewisse genetische Faktoren, die möglicherweise resistent gegen Sars-CoV-2 machen. Ein internationales Konsortium aus rund 120 Forschenden geht der Datenlage zu solchen Erbanlagen auf den Grund. Als Vorbilder dienten bekannte Reaktion des Körpers auf Herpes- und Grippeviren. "Es gibt Menschen, älter wie jünger, die sehr schwere Verläufe von Influenza erleiden und daran womöglich versterben", erklärt Ivan Tancevski von der Medizinuniversität Innsbruck, der für Österreich in dem Konsortium mitwirkt, das sich "Covid Human Genetic Effort" nennt.

Um eine Viruserkrankung, die über die Luft übertragen wird, bekämpfen zu können, benötigt der Körper Interferone. Diese Botenstoffe sorgen dafür, dass der Erreger sich nicht vermehren kann. Bei Kontakt mit Influenza-, Schnupfen- oder Coronaviren setzt der Körper solche Interferone frei. Sie unterdrücken die Vermehrung von Viren in der Nase oder im Rachen und unterstützen die Antikörper-bildenden Zellen bei ihrer Arbeit, damit das Ganze schnellstmöglich abklingt.

"Wenn Menschen in Genen oder Rezeptoren für Interferone einen Defekt haben, kann dies dazu führen, dass sie vermindert gebildet werden. Solche Menschen können an Influenza oder Corona sterben oder an einem Schnupfen schwer erkranken", sagt Pulmologe Tancevski. "Bisher konnten wir zeigen, dass genau die Gene, die bereits bei Interferon-Störungen beschrieben sind, auch bei einer Corona-Infektion vorhanden sein können. Bis zu fünf Prozent der Patienten mit einem schweren Verlauf an Corona haben diese genetischen Mutationen."

Dem gegenüber stehen möglicherweise auch schützende Gendefekte, die die natürliche Antwort auf Viren unterstützen können. "Wir suchen hier in erster Linie nach Immundefekten in den Rezeptoren für das Coronavirus", sagt Tancevski. Der für Sars-CoV-2 wichtigste Rezeptor ist ACE-2. Der Erreger bindet an ihn, um in die Zellen einzudringen. Menschen mit einem Defekt an dem Rezeptor könnten Corona weniger leicht bekommen. "Wir kommen nicht umhin, uns das gesamte Genom anzuschauen, um solche Resistenzen zu verstehen", fasst der Lungenspezialist zusammen.

Zwei Omikron-Ansteckungen

Vielleicht verliert die Pandemie ihr Momentum aber doch eher früher als später. Nach Ansicht des Epidemiologen Gerald Gartlehner sei Österreich mit der Omikron-Welle bei der Durchseuchung "angelangt", sagte der Experte der Donau-Universität Krems Mittwochabend im Sender "Puls24". Und eine Modellrechnung des Teams um den Simulationsexperten Niki Popper kann sogar unerwartete Faschingsstimmung erwecken. Demnach dürften zwei Drittel der Menschen in Österreich bereits gegen die Omikron-Variante immun sein. Ausschlaggebend dafür seien vor allem die zahlreichen Neuinfektionen der vergangenen Wochen, der Höhepunkt der aktuellen Infektionswelle dürfte überschritten sein. Allerdings verweist Popper auf die Unsicherheiten durch die neue, wiederum infektiösere Omikron-Variante BA.2.

Kann man jedoch nach Genesung von der ursprünglichen Omikron-Version BA.1 auch an der etwas fitteren BA.2-Version erkranken? "Der Immunschutz hängt auch von der Schwere des Verlaufs ab. Weniger deutliche Infektionen bieten einen weniger lang anhaltenden Immunschutz. Diese Personen haben ein höheres Risiko, sich eine Zweitinfektion zu holen", sagt der deutsche Virologe Christian Drosten im jüngsten NDR-Podcast: "Den Idealschutz bieten drei Impfungen plus zwei bis drei Kontakte mit Omikron." Wer sich mit einem aktualisierten Vakzin im Sommer impfen lasse, könne von einem guten Immunschutz für Winter 2022/23 ausgehen.