Die wenigsten Umfragen hinterlassen bleibenden Eindruck, meistens taugen sie bloß für eine schnelle Schlagzeile. Doch nicht immer: Im November 2021 sorgte eine repräsentative Eurobarometer-Erhebung für ein mittleres Erdbeben, das Betroffene bis heute umtreibt.

- © apa / Georg Hochmuth
© apa / Georg Hochmuth

Die Kernaussage der Studie: Das Interesse an Wissenschaft und Technologie ist hierzulande besonders gering. Vor allem aber haben auffallend viele kein oder nur geringes Vertrauen in die Wissenschaft und zweifeln Forschungsergebnisse an, über die wissenschaftlicher Konsens besteht. Das hat konkrete gesellschaftliche Folgen, wie in der Pandemie zu beobachten war.

Die "Wiener Zeitung" sprach über die Ursachen und Gegenrezepte mit Wissenschaftsminister Martin Polaschek (ÖVP), der am Wochenende in Lindau beim 71. Treffen der Nobelpreisträger weilte. Das Thema: "Trust in Science".

"Wiener Zeitung": Herr Minister, welchen Anteil hat die Politik am geringen Vertrauen der Österreicherinnen und Österreicher in die Wissenschaft? Gerade in der Pandemie hat sich die Politik manchmal hinter der Wissenschaft versteckt, manchmal zwischen richtigen und falschen Wissenschaftern unterschieden, je nach Zweckdienlichkeit eben.

Martin Polaschek: Ich fürchte, damit macht man es sich zu einfach. Dass sich die Politik vor allem in anderen Ländern und politischen Systemen auf die Wissenschaft beruft, wenn es in ihrem Interesse ist, und wenn nicht, dann eben nicht, ist keine neue Erkenntnis. Man muss dabei aber auch beachten, dass es sich eben um politische Entscheidungen handelt, die viele weitere Aspekte miteinbeziehen. Eine neu bestätigte Erkenntnis ist jedoch, dass es in vielen anderen Ländern um das Vertrauen in die Wissenschaft nicht so schlecht bestellt ist wie in Österreich. Das muss tiefere und länger zurückliegende Ursachen haben, zumal wir auch vor der Pandemie in dieser Hinsicht nicht gut abgeschnitten haben.

Welche sind das?

Darüber kann man spekulieren, es gibt auf jeden Fall keine monokausale Erklärung. Wir wollen dem aber ganz genau auf die Spur gehen, um auch taugliche Gegenstrategien zu entwickeln und Verbesserungen zu erreichen. Deshalb habe ich eine Ursachenstudie in Auftrag gegeben, die das aus historischer Perspektive beleuchtet, mit sozialwissenschaftlichen Methoden analysiert und auch die Lage in Österreich international vergleicht.

Wann wird es Ergebnisse geben?

Die Studie wird jetzt ausgeschrieben, im Herbst 2023 sollen die Ergebnisse vorliegen, dann geht es um die Erarbeitung langfristiger Strategien, um das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft zu verbessern.

Und kurzfristig?

Wir machen schon jetzt sehr viel, um den Stellenwert der Wissenschaft für unsere Gesellschaft, für unseren Wohlstand bewusst zu machen: die Lange Nacht der Forschung, das Kabarett der "Science Busters", Initiativen für Wissenschaftskommunikation und anderes mehr, aber die Dinge greifen nicht in der notwendigen Form.

Welche neue Ideen gibt es schon jetzt, das geringe Vertrauen in die Wissenschaft ist ja nicht neu?

Wir wollen Wissenschaftsbotschafter in die Schulen schicken, die Schülerinnen und Schüler konkret informieren, wie dieses System funktioniert und welche Berufschancen es hier auch gibt. Den Menschen muss klar werden, wie wichtig Forschung allgemein und insbesondere die Naturwissenschaften sind. Grundlagen- wie angewandte Forschung sind unerlässlich für jeden erfolgreichen Wirtschaftsstandort. Die Politik hat das mittlerweile verstanden, allein über die Leistungsvereinbarungen mit den Universitäten fließen insgesamt 12,3 Milliarden Euro, dann gibt es die stark wachsenden Budgets des Forschungsförderungsfonds (FWF) sowie die Akademie der Wissenschaften; und die Steiermark liegt, was die Forschungsausgaben angeht, auf Platz zwei von allen EU-Regionen; nur Baden-Württemberg investiert hier noch mehr.

Noch einmal zur Rolle der Politik: Wissenschaft fußt auf überprüfbaren Fakten. In Österreich zeichnen die Parteien die Realität oft lieber, wie sie ihnen gefällt, unabhängig von Fakten. Ein Beispiel ist die Verklärung der Neutralität, ohne jedoch die Verteidigungsfähigkeiten entsprechend auszubauen. Kann eine solche politische Kultur nicht auch eine Ursache dafür sein, dass viele Menschen unbequeme Tatsachen oft lieber verdrängen?

Die Entscheidung Österreichs, sich 1955 für "immerwährend neutral" zu erklären, war in erster Linie eine politische Entscheidung. Gerade in den 1960ern und 1970ern gab es klare entsprechende Aussagen der Politik, die damals sehr stark in die Bevölkerung hineinwirkten und bis heute nachhallen. Das hat nicht nur mit der Entwicklung des sicherheitspolitischen Umfelds zu tun gehabt, sondern war ein politisches Bekenntnis, das es bis heute gibt.

Korrektur am 28. Juli: Bei den Angaben zu den Leistungsvereinbarungen der Universitäten stand ursprünglich "jährlich", tatsächlich bezieht sich die Zahl von 12,3 Milliarden auf die gesamte Finanzierugsperiode.