Im Kontrast zur Theorie des sozialen Kapitals, wonach Menschen in Verbindung treten, weil jeder hat, was der andere will, arbeiten wir im Leben immer in sozialen Netzwerken. Wir beide haben uns kennengelernt, weil Sie jemanden kennen, der mit mir in Verbindung steht, und jetzt sind wir hier. Sozialstrukturen existieren somit vor ökonomischer Aktivität: Sie haben zuerst Freunde und Kollegen und nehmen dann Wirtschaftsbeziehungen mit Menschen auf, die Sie bereits kennen.

Ohne Netzwerk kein Job?

Arbeitsbeziehungen sind, wie der Name schon sagt, Beziehungen, somit sind Arbeit und Ökonomie in gesellschaftliche Netzwerke eingebettet. Auf dem Arbeitsmarkt bekommen die meisten Menschen Jobs durch Freunde von Freunden. Etwa die Hälfte des Arbeitsmarkts entsteht durch soziale Beziehungen und der Großteil der bestbezahlten Jobs läuft über diese Verbindungen.

Das klingt wie eine Demontage des Traums, dass jeder alles erreichen kann. Läuft wirklich alles nur über einen kleinen Kreis an Bekannten?

Nein, das tut es nicht. Denn die wahre Bedeutung einer sozialen Verbindung erkennt man am Grad des Vertrauens, der in ihr besteht. Und in Gesellschaften von hohem Vertrauen wachsen viel größere Netzwerke heran. Ich kann jemanden kennen, aber wenn ich ihm nicht vertrauen kann, haben wir keine Beziehung, die mit Produktivität einhergeht. Vertrauen senkt den Preis einer Transaktion, denn dann lasse ich mich leichter auf ein Geschäft ein. Bei einem Geschäftspartner, dem ich nicht vertraue, muss ich ständig überprüfen, ob er mich hintergeht, was ein größerer Aufwand ist.

Nun gilt dieser Grundsatz nicht nur für Geschäftspartner, sondern auch für Gesellschaften. Mitglieder von Hochvertrauensgesellschaften, wie Österreich, Deutschland, Japan oder die USA, vertrauen Unbekannten bereitwilliger. Sie knüpfen große Netzwerke in wissensintensiven Bereichen, wie Raumfahrt, Luftfahrt, Automobil oder Pharma. In Süditalien, Südamerika oder Afrika ist es anders: Die Menschen sind auf der Hut voreinander, weil sie Angst haben, über den Tisch gezogen zu werden. Sie vertrauen Familienmitgliedern und arbeiten in kleinen Gruppen mit Eigentümerstrukturen, die von einigen wenigen Mitgliedern kontrolliert werden: Weinbau, Handel, Bergbau. Einwicklungsländer mit gering ausgeprägtem Vertrauen verfolgen somit simplere Wirtschaftsaktivitäten.

Beruht Reichtum auf Vertrauen?

Die Fähigkeit von Menschen, verschieden große Netzwerke zu bilden, hat Unterschiede bei Einkommen, Wachstum und Innovationsfähigkeit zur Folge. Keiner dieser Faktoren existiert im Vakuum. Silicon Valley besteht nicht aus intelligenten Arbeitslosen, denn wären sie arbeitslos, könnte sich ihre Intelligenz weniger gut entfalten. Fähigkeiten verwirklichen sich in Industrien, professionellen Verbindungen, Fabriken und Teams, die das institutionelle Umfeld schaffen, in dem Vertrauen erblüht. So gesehen ko-evolvieren soziale Institutionen mit ökonomischer Aktivität.