Orth an der Donau. Obwohl die Österreicher allgemein immer wieder als impfmüde oder im Fall der Influenza gar als Impfmuffel kritisiert werden, stellt sich die Sache, wenn es um das durch Zecken übertragene FSME-Virus geht, komplett anders dar. Ganze 85 Prozent der Bevölkerung sind immunisiert.

Der Unterschied zu Grippe und Co besteht auf jeden Fall darin, dass die potenziellen Feinde mittlerweile fast das ganze Jahr über in nächster Umgebung zu finden sind - als achtbeinige Kleinsttierchen, die auf jedem Grashalm zu lauern drohen. Ob diese sichtbare Bedrohung ein Grund für die recht hohe Durchimpfungsrate sein könnte, sei dahingestellt. Tatsache ist aber, dass Österreich in Europa als ein Kernland der Virusverbreitung gilt und die Impfung den einzigen Schutz vor der Erkrankung an Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) darstellt. Der erste beschriebene Fall stammt übrigens aus 1931.

Seit nunmehr 40 Jahren wird das Serum in Österreich produziert. Im Rahmen eines Jubiläumsakts am Produktionsstandort des US-Pharmakonzerns Pfizer im niederösterreichischen Orth an der Donau durften die Gäste am Donnerstag einen Blick in die Herstellung der Vakzine werfen.

Ursprung des noch heute weltweit im Einsatz befindlichen Impfserums ist ein Virenstamm, der im Jahr 1956 aus fünf Zecken aus der Region Neudörfl im Burgenland isoliert wurde. Im Jahr 1973 entwickelte der österreichische Virologe Christian Kunz vom Institut für Virologie der Universität Wien den ersten Versuchsimpfstoff. Drei Jahre später startete schließlich die Produktion.

Zehn Millionen
Dosen pro Jahr


Da Viren keinen eigenen Stoffwechselprozess besitzen, müssen sie auf Zellkulturen zur Vermehrung geführt werden. Dies geschieht in eigenen Bioreaktoren auf sogenannten SPF-Eiern - spezifiziert pathogenfreien, also keimfreien, Hühnereiern. Da es sich bei der FSME-Vakzine um einen Totimpfstoff handelt, müssen die Viren einige Tage nach der Vermehrung inaktiviert werden. Dies geschieht durch Formaldehyd, das im Anschluss mithilfe leistungsstarker Zentrifugen mittels 110.000-facher Erdbeschleunigung wieder herausgelöst wird. Die hochkonzentrierte, hochreine Virussuspension wird schließlich verdünnt und in Spritzen gefüllt. In der Produktionsanlage herrschen mit einem Reinraum-OP vergleichbare sterile Verhältnisse. Um das Serum vor Verunreinigungen zu schützen, aber auch sich selbst vor einer Infektion, gibt es für Mitarbeiter eigene Anziehungsschulungen für den täglich erforderlichen dreimaligen Kleiderwechsel vor Betreten des Arbeitsplatzes. "In Orth an der Donau wird pro Jahr der Wirkstoff für rund zehn Millionen Impfdosen produziert", erklärte Betriebsstättenleiter Martin Dallinger.

90 Prozent der FSME-Infektionen gehen übrigens symptomfrei vorüber. In zehn Prozent kann es nach zwei bis 28 Tagen nach dem Zeckenbiss zu Krankheitssymptomen wie hohem Fieber und Muskelschmerzen kommen, erklärte Roman Prymula, Direktor des Uniklinikums Hradec Kralove in der Tschechischen Republik. Bei zehn Prozent dieser Patienten kann in einer zweiten Phase der Erkrankung eine schwerwiegende Hirnhautentzündung mit neurologischen Komplikationen auftreten. Eine Impfung schützt davor - jedoch nicht gegen die auch durch Zecken übertragene Lymeborreliose. Dies ist eine durch Bakterien ausgelöste Infektion, die Folgeerkrankungen mit sich bringen kann. Zeckenbisse vermeiden beziehungsweise die Tiere schnell entfernen, wird geraten.