Wien. Ab sofort steht Forschergruppen aus aller Welt ein neues Werkzeug zur Verfügung, das für die Genomforschung einen Aufschwung bewirken könnte. Die sogenannte Haplobank, die von Forschern des Wiener Instituts für Molekulare Biotechnologie (Imba) entwickelt wurde, beinhaltet etwa 100.000 einzelne Zelllinien mit rund 17.000 Genen. Diese sind mit molekularen Schaltern versehen, um bewusst Gendefekte erzeugen zu können. Mit Hilfe dieser Datenbank können Genetiker besser verstehen, wie der menschliche Körper funktioniert und wie Erkrankungen entstehen.

Schnupfenvirus im Visier

Die Bio-Bibliothek besteht aus embryonalen Mausstammzellen, in die an- und ausschaltbare Mutationen integriert sind, erklärt der Imba-Forscher Ulrich Elling im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Genauer gesagt, handelt es sich dabei um ganz bestimmte Zellarten - nämlich um sogenannte haploide Zellen. Im Gegensatz zu ihren diploiden Verwandten beinhalten sie nur einen Chromosomensatz. Das bedeutet, dass herbeigefügte Mutationen beziehungsweise Defekte zu 100 Prozent wirksam sind - also nicht vom zweiten Chromosomensatz, wie er üblicherweise von Vater und Mutter an ihr Kind weitergereicht wird, überlagert werden kann. Mit solchen an- und ausschaltbaren Mutationen lassen sich Forschungen daher viel zuverlässiger betreiben.

Einen Erfolg konnten die Imba-Forscher bereits in zwei Bereichen verbuchen. So sei es mit ihrer Haplobank schon gelungen, ein Gen zu finden, das Schnupfenviren Zutritt zu menschlichen Zellen verschafft, wie das Team um Elling im Fachmagazin "Nature" berichtet. Für den gewöhnlichen Schnupfen sind die sogenannten Rhinoviren verantwortlich. "Da ein Virus kein vollständiges Lebewesen ist, muss es die Zelle nutzen, um sich zu vermehren", erklärt der Genetiker. Dazu benötigt das Schnupfenvirus ein Gen namens PLA2G16. Anfangs war diese Verknüpfung nur eine Hypothese, doch mit Hilfe der Haplobank konnte dies mit einzelnen Zellen ausgetestet und nachgewiesen werden, skizziert Elling.

Postdoktorand Reiner Wimmer aus der Forschergruppe von Imba-Chef Josef Penninger spürte damit auch Gene auf, die das Wachstum von Blutgefäßen beeinflussen. So gibt es solche, die die Entstehung von Blutgefäßen vorantreiben. Dieser Effekt könnte in der Regenerationsmedizin zur Anwendung kommen, wo es unter anderem darum geht, die Versorgung von Geweben wieder herzustellen. Andererseits wurden aber auch Gene entdeckt, die das Wachstum solcher Gefäße blockieren. Im Fall von Krebs wäre das von Bedeutung, schildert Elling, denn diese Blockade könnte bewirken, dass ein Tumor praktisch verhungert, indem ihm die Versorgung abgeschnitten wird.

Bei der Haplobank können Forscher aus aller Welt mit einem Bestellsystem, ähnlich wie bei einem Internet-Verstandhaus, Zelllinien mit ganz bestimmten Mutationen gegen Bezahlung anfordern. "Wir wollen damit die wissenschaftliche Community unterstützen", betont Ulrich Elling.

www.haplobank.at