Umweltschützer, und doch Realist: Fernando Trujillo
Umweltschützer, und doch Realist: Fernando Trujillo

Der WWF schätzt die Zahl der Rosa Delfine im Amazonasbecken auf 37.000. Deswegen hält Trujillo die Kategorie "Vom Aussterben bedroht", die von der International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) festgelegt wurde, für eine Stufe zu streng. "Ich würde die Delfine als ,stark gefährdete Art‘ einordnen", sagt er. Aber das könne sich wegen der vielen Bedrohungen schnell ändern.

Kraftwerke als Gefahr

Als eine der größten Gefahren nennt Trujillo die 124 Wasserkraftwerke der Region. Weitere 277 sind derzeit nach WWF-Informationen geplant. Sie zerstören große Waldflächen, unterbrechen die Verbindungen der Flüsse, führen zur Ansiedlung von Menschen in einem Radius von 40 bis 100 Kilometern. Es werden Straßen gebaut, die neue Rodungen nach sich ziehen. "Ohne die Bäume sterben auch die Flüsse", sagt Trujillo. "Sie versanden, werden flacher, die Wasserkreisläufe versagen, es wird trockener und die Reproduktionszyklen kommen zum Stillstand."

Trujillo nennt das Beispiel der Fische, die sich in der Regenzeit, wenn die Uferwälder überschwemmt werden, von den Früchten der Bäume ernähren und ihre Samen verbreiten. Eine weitere Gefahr für die Flussdelfine ist die Jagd. Tausende Exemplare wurden in den vergangenen Jahren getötet, um ihr fettes Fleisch als Köder beim Fang des Silberantennenwels’ zu verwenden, einem beliebten Speisefisch in Kolumbien.

Dann verbot die kolumbianische Regierung Ende 2017 seine Kommerzialisierung wegen zu hoher Quecksilberwerte. "Es war ein indirekter Sieg für den Flussdelfin", sagt Trujillo. Er erhielt damals Morddrohungen, weil er vor dem Quecksilber in den Fischen gewarnt hatte. Das passte der Fischindustrie nicht. "Der Amazonas ist immer stärker in der Hand von Konzernen", klagt Trujillo. Die Regierungen seien schwach oder abwesend. "Die Zukunft der Region ist unsicher."

Delfine als Götter

Am Abend kehrt Trujillos Team in die kleine Forschungsstation zurück, die in der Nähe des Städtchens Puerto Carreño liegt. Vier Delfine haben die Wissenschafter mit Sendern ausgestattet sowie drei Jungtiere registriert. "Es lief richtig gut", sagt Trujillo. Manchmal dauere es tagelang, um die Tiere überhaupt zu finden.

Die Dunkelheit bricht über den Orinoco herein und ein sternenklarer Himmel spannt sich auf. Feuer lodern auf der venezolanischen Seite des Flusses. Der Wald wird zur Jagd und Schaffung neuer Rinderweiden gerodet. Trujillo sitzt auf einem Uferfelsen und erzählt von den Legenden der Ureinwohner. Viele Indios im Amazonas verehren die Delfine als Götter, die in Städten auf dem Grund der Flüsse lebten. Es sind Ertrunkene, so erzählt man, die sich in Menschen zurückverwandeln könnten und manchmal an Land kämen. Trujillo selbst wurde von den Indios schon für so ein Wesen gehalten. Er sei zurückgekehrt, sagten sie, um den Menschen die Nachricht der Delfine zu überbringen.