Künstliche Intelligenz - das Schlagwort Nummer eins der Gegenwart. KI "verändert die Arbeit", "wird vertrauenswürdig", "fälscht Stimmen nach nur fünf Sekunden", hieß es allein am Dienstag in den Medien. Die Schlagzeilen erwecken den Eindruck, wir seien von Algorithmen umgeben, die intelligenter sind als wir selbst, das Selbststudium mit größerer Disziplin verfolgen, das Leben auf der Erde neu ordnen und jenes auf anderen Planeten punktgenau analysieren, unsere Daten besser verwalten als wir selbst, ständig zuhören und sogar mit uns in Dialog treten. Doch ist alles so fortschrittlich, wie es scheint? "Artificial Intelligence hat sich in jedem Fall anders entwickelt als erwartet", erläuterte ein Pionier der Künstlichen Intelligenz, Robert Trappl, Montagabend im Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten in Wien.

Robert Trappl: "Computern fehlt die Neugier." - © apa/Georg Hochmuth
Robert Trappl: "Computern fehlt die Neugier." - © apa/Georg Hochmuth

Dabei ist der Begriff "Künstliche Intelligenz" ein Zufall. Der US-Mathematiker John McCarthy erfand ihn im Jahr 1956, als Computer noch so groß wie Schränke waren. Man baute sie damals zur Verarbeitung großer Zahlenmengen. McCarthy fragte sich, ob Rechner neben den Zahlen auch Begriffe und Symbole verarbeiten könnten. Er versammelte Experten zu einer internationalen Konferenz am Dartmouth College in Hanover im US-Staat New Hampshire. Für den Förderantrag an die Rockefeller Foundation benötigte er einen klingenden Titel. McCarthy kam auf die Idee, die Tagung unter den Überbegriff "Artificial Intelligence" zu stellen, "was gefährlich war, weil es das damals noch gar nicht gab", sagte Trappl. Das sollte sich ändern.

"Vieles ist nicht eingetreten"

McCarthy erfand die Programmiersprache Lisp, die immer noch in Verwendung ist. Außerdem wird ihm die Erfindung des Alpha-Beta-Algorithmus, der zur Spielstärke von Schachprogrammen beitrug, zugeschrieben. Er ließ den lernfähigen Algorithmus gegen Spitzenspieler spielen. Bald setzte ihn sein eigener Algorithmus schachmatt. "Schon damals stellte man fest, dass das Lernen das Wichtigste ist", betonte Trappl, der 1969 mit anderen jungen Forschern die Österreichische Studiengesellschaft für Kybernetik gründete, 1977 Professor für medizinische Kybernetik und Artificial Intelligence der Uni Wien wurde und 1984 das Österreichische Forschungsinstitut for Artificial Intelligence ins Leben rief.

Dass das freie Lernen auch Probleme mit sich bringt, sollte sich erst weit nach diesen ersten Anfängen herausstellen. Erst heute ist klar, dass Computer Nazi-Begriffen mächtig werden oder ausgewählte User blockieren, wenn Programmierer etwa böse Absichten haben. "Anfang der 1960er Jahre dachte man eher, dass es zehn Jahre später einwandfreie Übersetzungsprogramme geben würde", sagte Trappl: "Das ist in dieser Zeit aber nicht eingetreten."