Um Gefallene zu bergen oder zu begraben, reichten die Kräfte nicht aus, wie ein junger Soldat in einem Brief an seine Eltern schrieb: "Traurig ist es in der Stellung, tausende Fliegen und Käfer kriechen auf den unbeerdigten Leibern der Toten, deren Anblick Grausen und Entsetzen erweckt, herum. Zerstückelte Glieder und Menschenleiber starren uns entgegen, und mitten drin hausen Menschen."

Auch heute noch finden Bergsteiger Gebeine von Soldaten. Mit Glück haben Kälte und Eis Teile der Uniform konserviert, so könne man immerhin erkennen, ob es sich um Italiener oder Österreicher handle.

"Ja, für einen Menschen ist hundert Jahre eine lange Zeit", sagt der italienische Chorleiter Pier Piazzi, "nicht aber für eine Nation. Und auch nicht für eine Familie." Für das Konzert sang der 30 Mann starke Chor Lieder, deren Texte von Soldaten selbst geschrieben wurden oder ihren Briefen an Eltern, Frauen und Geliebten in der Heimat entnommen sind. Auch die jüngeren Generationen haben Texte verfasst, um die Erfahrungen ihrer Väter und Großväter nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. "Wir sind mit den Erzählungen aufgewachsen. Deshalb können wir die Texte nicht nur verstehen, sondern auch fühlen", erklärt Piazzi.

Lieder als Testamente
eines Krieges

Als Testamente eines Kriegs, der Europa für immer veränderte, sind die Lieder zwar poetisch, aber auch roh und ehrlich in ihrer Verzweiflung, ohne heldenhaftes Pathos. Edelweiß blüht über den Gefallenen, Familien beten für Frieden, und Frauen finden nicht ihre Männer, sondern nur noch deren Gräber.

Dass Friede herrsche - und dass Italiener und Ungarn mit Autobussen durch Täler und über Gebirge heimreisen werden, in denen man sich damals im erbitterten Kampf gegenüberstand - all das dürfe man nicht für selbstverständlich nehmen. "Am Frieden muss man auch arbeiten", sagt einer der italienischen Sänger.

Die Plakette der Dolomitenfreunde, die den Italienern und Ungarn als Dankeschön überreicht wird, zeigt zwei sich haltende Hände vor dem Hintergrund eines Gipfels. Es ist ein Symbol für das Zusammentreffen ehemaliger Feinde in genau den Bergen, in denen Tausende ihr Leben ließen, um Grenzen zu verteidigen, die es heute nicht mehr gibt. Als am Ende des Konzertes gemeinsam die Hymnen der drei Länder gespielt werden, kommt Freude bei Musikanten und Publikum auf. Als stimmungsvoll empfand man den Abend, man ist froh über die Aufführung der ungarischen und italienischen Gäste, spricht über ihre schöne Musik. Danke, grazie, köszönom, dann erschöpft sich das gemeinsame Vokabular. Stattdessen bedient man sich breiten Lächelns, freundlichen Nickens, des Almdudlers und Biers - und reicht sich abermals die Hände.