Auch dass Frankreich und Großbritannien in nicht geringer Zahl Truppen aus ihren Kolonien rekrutierten, förderte den Drang der kolonisierten Völker nach Unabhängigkeit - und leitete damit den Zerfall der Kolonialreiche ein. Der Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg an der Seite der Entente-Mächte besiegelte nicht nur Deutschlands Niederlage, sondern machte Amerika zu einer Macht in Europa. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges sollte es zur dominanten Vormacht aufsteigen.

Auch der Umstand, dass die Sowjetunion nach 1945 jahrzehntelang Vormacht in Osteuropa und der Kontinent somit geteilt war, ging auf den Ersten Weltkrieg zurück. Denn der deutsche Schachzug, den russischen Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin per plombiertem Zug Richtung Petersburg zu schicken, erwies sich langfristig als eher kurzsichtig: Der brutale Sowjet-Kommunismus eines Lenin und Stalin sollte für Europa noch mehr als 70 Jahre lang eine stete Bedrohung bleiben, ehe die UdSSR, ein Vielvölkerreich unter dem Banner von Hammer und Sichel, 1991 in ihre nationalen Bestandteile zerfiel. Der Ost-West-Gegensatz des Kalten Krieges blieb aber nur kurz aufgehoben - er flammt heute als weniger ideologisch denn geopolitisch geprägter Konflikt erneut auf.

Unversöhnliche Sieger

Der Zerfall von Vielvölkerreichen in Nationen war ein Vorgang, der sich auch nach dem Ersten Weltkrieg schon in den damaligen multinationalen Reichen, also Österreich-Ungarn, dem Osmanischen Reich und kurzzeitig auch in Russland ereignete. Im 19. Jahrhundert hatten sich nach dem Blutbad der Französischen Revolution Nationalismus, Liberalismus, Demokratie und Sozialismus als zukunftsweisende Ideen etabliert. Der Liberalismus, der vor 1914 oft eine prägende Rolle spielte, geriet nach dem großen "Völkerringen" und seinen Aufwallungen ins Hintertreffen.

Dafür schien sowohl für nationalistische, demokratische als auch sozialistische Ideen die Zeit gekommen. An die Stelle der alten, halb- und vierteldemokratischen Vielvölkerreiche sollten nun demokratische Nationalstaaten treten - von des Volkes statt von Gottes Gnaden. Man pochte auf das "Selbstbestimmungsrecht der Völker", das im 14-Punkte-Friedensplan des US-Präsidenten Woodrow Wilson festgeschrieben war. Staatsgrenzen sollten sich mit nationalen Siedlungsgrenzen weitgehend decken, für den Frieden sollte ein "Völkerbund" sorgen - die Vorgängerorganisation der heutigen UNO.

Doch der 1919 geschlossene Friede im Zeichen von Nationalstaat und Demokratie vermochte es nicht, Stabilität in Europa herzustellen. 1815, zur Zeit des Wiener Kongresses, war das noch anders: Das besiegte Frankreich, das als Aggressor ganz Europa verheert hatte, saß gleichberechtigt am Verhandlungstisch in Wien. Außenminister Maurice de Talleyrand konnte trotz der totalen Niederlage seinem Land die Grenzen von 1789 wiedergeben.

Hundert Jahre später war die Lage anders. In Versailles, Saint Germain und Trianon wurde mit den Vertretern Deutschlands, Österreichs und Ungarns nicht verhandelt. Der Friede wurde den Verliererstaaten diktiert, dem Deutschen Reich die Schuld am Ausbruch des Krieges zugesprochen. Die Härte der Sieger, auf die vor allem Frankreich drängte, hatte seinen Grund: Anders als 1815 hatte es Paris seit 1871 statt mit Preußen - einem zwar mächtigen, aber nicht übermächtigen Staat - mit dem Deutschen Reich zu tun. Das war ein Koloss von über 60 Millionen Einwohnern, der sich anschickte, zur Vormacht in Europa zu werden. Dass Frankreich sich davon dauerhaft bedroht fühlen konnte, zeigte auch der Kriegsverlauf: Nur mithilfe des Britischen Weltreiches und dann vor allem der USA war es gelungen, den Feind im Osten zu besiegen.