Noch vor kurzem wurden Banken und Finanzdienstleister, die sich auf Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Soziales ausgerichtet haben, belächelt. Sie waren Exoten in einer konservativen, auf schnellen Gewinn ausgerichteten Industrie. Durch den Klimawandel hat mittlerweile ein Umdenken stattgefunden. Denn mit der Klimakrise verbundene Risiken wirken sich nicht nur negativ auf die Kunden aus, sondern haben direkten Einfluss auf die Finanzindustrie.

Zum einen können außergewöhnliche Klimaereignisse zu einem Ausfall von Kreditnehmern oder Wertminderungen von Kreditsicherheiten führen, zum anderen können sich politische Lenkungsmaßnahmen zwecks Erreichung klimapolitischer Zielsetzungen negativ auf das Geschäftsergebnis eines Kreditinstituts auswirken. Nachhaltigkeit sollte daher heute nicht als Risiko, sondern als Chance gesehen werden. Klimaschutz und Gewinn müssen sich nicht ausschließen. Im Gegenteil: Je lukrativer ein klimaschonendes Investment, desto eher gibt es auch mehr Klimaschutz.

Maurizia Anderle-Hauke ist Rechtsanwältin/ Counsel bei Jank Weiler Operenyi/ Deloitte Legal. Sie leitet dort die Banking Regulatory Practice Group und hat eine langjährige Berufspraxis im Bereich Banken- und Finanzdienstleistungsrecht. - © feel image - Fotografie
Maurizia Anderle-Hauke ist Rechtsanwältin/ Counsel bei Jank Weiler Operenyi/ Deloitte Legal. Sie leitet dort die Banking Regulatory Practice Group und hat eine langjährige Berufspraxis im Bereich Banken- und Finanzdienstleistungsrecht. - © feel image - Fotografie

Selbst verliehenes Gütesiegel sorgt für Vorwürfe

Die Finanzindustrie bewirbt heute verschiedene Produkte als "nachhaltig". Teilweise ist dies aber nur dem Zeitgeist geschuldet. Nachhaltigkeit ist außerdem je nach kultureller Herkunft oder politischer Einstellung unterschiedlich zu verstehen und kein einheitlicher Wertemaßstab. Finanzprodukte sind daher immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, gar nicht dem bis dato selbst verliehenen Gütesiegel zu entsprechen. Denn nicht jedes Investment ist auch in allen Aspekten nachhaltig. Ein Beispiel sind Investitionen in Windkraft: Windräder erzeugen zwar Energie durch die Kraft der Natur, aber durch die Errichtung von Windparks wird die Natur an sich gestört und die Lebensqualität der Anrainer beeinträchtigt.

Um eine gewisse Einheitlichkeit bei der Nachhaltigkeitsbewertung dieser Produkte zu bewirken, hat die Europäische Union bereits 2018 einen "Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums" veröffentlicht. Daraus hat sich ein europäischer Green Deal entwickelt, der Strategien für ein nachhaltiges Finanzwesen umfasst. Auch wenn dieser Deal bislang relativ oberflächlich bleibt, ist die Initiative grundsätzlich zu begrüßen. Mittlerweile wurden zwei wichtige Verordnungen veröffentlicht, die der Finanzindustrie zumindest auf technischer Seite durch eine einheitliche Risikoeinschätzung das Erlangen eines Nachhaltigkeitssiegels erleichtern soll.

Mehr Nachhaltigkeit bringt mehr Informationspflichten

Eine davon ist die EU-Verordnung 2019/2088 über nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im Finanzdienstleistungssektor ("Disclosure-VO"). Die enthaltenen Transparenzverpflichtungen sind für alle Teilnehmer des Finanzmarktes sowie Finanzberater wirksam. Mit den neuen Transparenzvorschriften soll die Finanzbranche verpflichtet werden, spezifische Informationen über die Miteinberechnung von Nachhaltigkeitsrisiken und deren Berücksichtigung offenzulegen. Damit soll der Binnenmarkt gestärkt und die Vergleichbarkeit von Finanzprodukten verbessert werden. Das ist zu begrüßen: So kann eine allgemein gültige Definition für nachhaltige Produkten geschaffen werden.

Mit den Offenlegungspflichten geht die Verschärfung der Informationspflichten gegenüber dem Kunden einher. Dieser muss zukünftig über alle relevanten Nachhaltigkeitsrisiken, die erhebliche negative Auswirkungen auf die Rendite haben können, aufgeklärt werden. Vor allem für den Vertrieb nachhaltig deklarierter Finanzprodukte werden die Offenlegungspflichten verschärft. Durch die Disclosure-VO wurden außerdem neue Transparenzverpflichtungen für den Finanzsektor eingeführt, um die Integration von Nachhaltigkeitsrisiken voranzutreiben. Die Unternehmen müssen nun ihre Strategie für den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken und deren nachteilige Auswirkungen auf das Unternehmen offenlegen. Deren Vergütungspolitik muss auf die Risiken angepasst und bekanntgemacht werden. Auch bei der Bewerbung ökologischer oder sozialer Merkmale und nachhaltiger Investitionen durch Finanzprodukte sind die Risiken nun transparent darzustellen.

Zusätzlich hat die EU auch die Taxonomie-Verordnung (VO (EU) 2020/852) erlassen. Damit soll Klarheit in die verschiedenen Definitionen gebracht und die Vereinheitlichung der Begriffe in der EU vorangetrieben werden. Zusätzlich müssen die Unternehmen Informationen veröffentlichen, aus denen hervorgeht, wie und in welchem Umfang die einem Finanzprodukt zugrundeliegende Investition in ökologisch nachhaltige Wirtschaftstätigkeit investiert wird. Dem Anleger wird so die Unterscheidung wirklich nachhaltiger Produkte vom restlichen Angebot erleichtert.

Eine umfassende Aufklärung des Kunden kann allerdings nur dann erfolgen, wenn es Strategien zur systematischen Identifizierung und Erfassung aller Nachhaltigkeitsrisikofaktoren gibt. Das ist eine Herausforderung: Die Risiken sind unzählig und je nach Region unterschiedlich. Um den Banken eine Hilfestellung bei der Beurteilung ihrer Nachhaltigkeitsrisiken zu geben, hat die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) am 2. Juli 2020 einen Leitfaden veröffentlicht. Dieser hat zum Ziel, "Know-how aufzubereiten und die Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses zu fördern". Der Leitfaden bleibt zwar relativ wage, erläutert aber mögliche Risikofaktoren und zeigt Methoden zum Umgang mit diesen auf. Die FMA hat selbst bereits klargestellt, dass es sich um keine letztgültigen Empfehlungen handelt, da auf europäischer Ebene der Wandel erst begonnen hat. Es wird wohl noch dauern, bis sich allgemein gültige, vergleichbare Standards durchsetzen.

Ein Schritt in die richtige Richtung

Die zu erwartende zusätzliche Regulierung des Finanzbereiches wird die Entwicklung von Produkten, die gewinnbringend am Markt vertrieben werden können und dem selbst auferlegten Gütesiegel entsprechen, zunächst erschweren. Denn damit verbunden ist eine fundierte Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Risiken eines "nachhaltigen" Investments.

Letztendlich ist die Investition in ein Finanzprodukt aber eine Glaubensfrage. Es wird sich zeigen, ob die Kunden verstärkt in nachhaltige Produkte investieren, nur weil die Banken strengen Transparenzvorschriften unterliegen. Erst wenn Nachhaltigkeit als allgemeingültiger Wert in den Köpfen angekommen ist, wird der Green Deal Erfolg haben. Immerhin: Die neuen Vorschriften sind ein Schritt in die richtige Richtung.

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