Bei der Seenotrettung vor der Küste Libyens handelt es sich angeblich um eine simple Angelegenheit. Richtig ist, dass allein die Pflicht zur Rettung von in Seenot geratenen Menschen selbstverständlich ist. Man tut es einfach, weil es nicht zu tun keine Alternative ist.

Alles Weitere und auch all das, was davor kommt, sind dagegen unendlich komplizierte Themen, bei denen es nur in den seltensten Fällen um richtig oder falsch und fast immer um irgendetwas dazwischen geht. Und trotzdem vermittelt der öffentliche Umgang mit dem Thema, wie das Beispiel des privaten Rettungsboots "Open Arms" zeigt, den Eindruck, als gäbe es keine Probleme, würde in Italien nur nicht dieser Matteo Salvini mitregieren.

Es gibt hier schlicht keine einfachen Lösungen, sondern ausschließlich solche, die unendlich kompliziert und aufwendig sind. Das beginnt damit, dass Seenotrettung in Wirklichkeit eine Aufgabe staatlicher Behörden sein sollte und nicht eine von privaten Initiativen und Vereinen. Nicht nur, weil diese zwecks Spendenwerbung auf Emotionalisierung setzen, aber auch deshalb. Es gibt Themen, die lassen sich mit schreienden Schlagzeilen in den Medien einfacher lösen; die Seenotrettung zählt nicht dazu.

Wenn die Staatengemeinschaft die Rettungsschiffe betreibt und koordiniert, lässt sich auch die Anlandung der Flüchtlinge leichter orchestrieren. Das unwürdige und rein symbolische medienöffentliche Gefeilsche um jedes einzelne Boot würde somit weg-
fallen. Doch ein funktionierendes System der Seenotrettung zielt nur auf die Symptombekämpfung, die tatsächlichen Probleme bleiben davon unberührt.

Der nächste Schritt müsste deshalb an der nordafrikanischen Küste erfolgen. Solange in Libyen nicht einmal Spuren einer intakten staatlichen Ordnung bestehen, wird der Strom an Menschen, die gegen viel Geld für die Schlepper ihr Leben in lächerlichen Schlauchbooten riskieren, nicht abreißen.

Diese staatlichen Strukturen muss sich die EU erkaufen, und zwar - so wie bereits jetzt schon - von mafiösen Milizen. Und je mehr europäische Standards dabei eingehalten werden sollen, desto teurer wird es. Was womöglich immer noch weit billiger ist als jede militärische Alternative vor Ort.

Aber auch Libyen ist nur ein Symptom von weiter südlich gelegenen Problemen. Und so weiter und so fort. Dabei ist noch keine Rede davon, das Asyl- und Migrationsmanagement auf gänzlich neue, praktisch handhabbare Beine zu stellen. Womöglich ist es angesichts dieser Pyramide an Problemen einer kritischen Masse an europäischen Politikern also ganz recht, dass die Seenotrettung weiter so bleibt, wie sie ist. Privat, schlagzeilenträchtig und simpel.