Mit Montag ist die SPÖ keine neue, aber eine andere Partei. Der respektable Wahlsieg Michael Ludwigs bringt die Gewichte in der Sozialdemokratie wieder ins Lot. Vor allem wird das seit dem Rücktritt Werner Faymanns im Mai 2016 bestehende Machtvakuum in Österreichs zweitgrößter Partei ausgefüllt.

Seitdem fehlte der SPÖ jene innere Stabilität, ohne die Politik mit Machtanspruch unmöglich ist. Randfiguren erhalten dann plötzlich mediale Überpräsenz, und heikle, aber strategisch zentrale Fragen wie Migration bleiben unentschieden. Seit Sonntag ist wieder klar: Das Machtzentrum der SPÖ schlägt nicht im Burgenland und schon gar nicht in Tirol, sondern im Wiener Rathaus.

Wahlen zu gewinnen, ist in der Politik eine rare Kunst. Viele der von den Medien gehypten angeblichen Gewinnertypen und fast noch mehr die von Aktivisten verehrten Retterfiguren verglühen am ersten Wahlabend, weil sie, warum auch immer, den demokratischen Härtetest an den Wahlurnen nicht bestehen. Ludwig, der sich 2018 in einer Kampfabstimmung um die Parteiführung in Wien durchsetzen musste, startete weder als Gewinnertyp noch als Erlöserfigur. Nicht nur in den Medien wurde spekuliert, ob am Ende gar das Ende des Roten Wiens bevorstehe. Zweifel, ob der Neue auch der Richtige sei, das Erbe Michael Häupls zu schultern, waren allgegenwärtig.

Seit Sonntag ist klar: Ludwig ist der Richtige. Die Corona-Pandemie hat ihm dabei eher geholfen als geschadet, weil sie die Sehnsucht nach Stabilität und Sicherheit in absolut unsicheren Zeiten erhöht. Bedanken kann sich Ludwig aber auch bei der Konkurrenz, die sich nach kurzem Zaudern dafür entschieden hat, den Führungsanspruch der SPÖ nicht herauszufordern. Das kann man realistisch oder mutlos nennen, geholfen hat es Wiens Bürgermeister bei seiner ersten Wahl auf jeden Fall.

Jetzt muss der neue und alte Bürgermeister zeigen, was er mit seinem Wahlsieg anzufangen versteht; ob, und wenn ja, in welche Richtung er die Stadt und die SPÖ verändern will und kann. Einen ersten Hinweis darauf wird geben, für welchen Koalitionspartner Ludwig sich entscheidet: Weiter wie bisher mit den Grünen, doch mit der ÖVP oder am Ende gar mit den Neos?

Ist das jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht für Pamela Rendi-Wagner? Wahrscheinlich ist, dass auch die Bundesparteivorsitzende der SPÖ und Oppositionschefin im Nationalrat vom Erfolg Ludwigs profitieren wird. Siege helfen, eine verunsicherte Partei zu beruhigen. Und Ruhe kann Rendi-Wagner gut gebrauchen. Alles Weitere liegt ab jetzt in Ludwigs Händen.