Am Freitag rückte Joe Biden im Schneckentempo dem Wahlsieg entgegen. Nach einer tagelangen Hängepartie steht nun praktisch fest, dass er am 20. Jänner als 46. Präsident der USA angelobt werden wird. Die von Donald Trump angekündigte Klagewelle wird dies - nach heutigem Wissensstand! - nicht verhindern können. Es ist daher Zeit für einige - auch unbequeme - Erkenntnisse (um den in der Politik längst überstrapazierten Begriff "Wahrheit" zu vermeiden):

Geld hat beim Sieg Bidens sehr wohl eine Rolle gespielt. Nach vorläufigen Berechnungen investierten Demokraten und Republikaner mit fast 14 Milliarden US-Dollar (11,8 Milliarden Euro) gemeinsam doppelt so viel wie noch 2016; der Löwenanteil entfiel dabei mit 54 Prozent auf Bidens Demokraten, während nach diesen Zahlen Trumps Republikaner deutlich weniger ausgaben.

Dieses Bild passt so gar nicht zur ansonsten dominierenden Erzählung, wonach doch eigentlich die Republikaner und vor allem der selbsterklärte Milliardär Trump die Partei des Kapitals und freigebigen Großspender sein sollten. Wie so oft erzählt die Wirklichkeit eine andere Geschichte.

Umso ernüchternder ist aus Sicht der Demokraten ihr Ergebnis. So gut wie nirgendwo ist es ihnen gelungen, ehemalige, bei der Wahl 2016 zu Trump abgewanderte Wähler aus den Fängen der Republikaner zurückzuholen. Im Repräsentantenhaus verloren die Demokraten sogar einige Sitze, bleiben aber in der Mehrheit.

Angesichts dieser Schlacht auf des Messers Schneide spricht viel dafür, dass, wenn nicht die Verwüstungen der Corona-Pandemie über die USA gekommen wären, Trump zu einem lockeren Wahlsieg für "Four More Years" gesurft wäre, egal, wie der Gegner geheißen hätte. Für Joe Biden und die Demokraten ist das eine erschütternde Beschreibung ihres politischen Zustands nach vier Jahren Trump.

Das ändert nichts daran, dass "Sleepy Joe" - so nannte Trump seinen Herausforderer hartnäckig herabwürdigend - das "Very Stable Genius", als das sich der Präsident einmal selbst bezeichnete, besiegen konnte. In den Augen Trumps muss dies die ultimative Demütigung des eigenen Super-Egos bedeuten.

Die Ironie dieser Wahl ist: Trump hat den Republikanern einen ungeahnten Erfolg gegen enormen Gegenwind beschert; ohne "The Donald" wären sie wohl auf breiter Front vernichtend geschlagen worden. Und ausgerechnet ihr Anführer steht jetzt als einziger Verlierer da. Gegen "Sleepy Joe" Biden. Was daraus folgt? Das wird sich erst zeigen.