"Das neue Jahr kann kommen", titelte die "Wiener Zeitung" in der Ausgabe vom 31. Dezember 2019. Im Rückblick liest sich diese Zeile fast trotzig. Denn für das Jahr 2020 passt das Wladimir Iljitsch Lenin fälschlich zugeschriebene Zitat: "Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts passiert; und Wochen, in denen Jahrzehnte passieren." Lenin hat es nie gesagt.

Aber 2020 gab es diese Wochen, von denen im angeblichen Lenin-Zitat die Rede ist: Am 10. Jänner berichtete die "Wiener Zeitung" in der Printausgabe erstmals über eine neue Lungenkrankheit in Wuhan. Keine große Sache, eine Kurzmeldung genügte. Das sollte sich rasch ändern.

Der Katastrophenfilm wurde plötzlich zum Tutorial für die Alltagsbewältigung.

Das Jahr 2020 war ein Memento mori für alle, eine Erinnerung daran, dass die Zukunft ungewiss ist, und ein Hinweis darauf, dass der Mensch Teil der Natur ist und nicht über sie herrscht. Ein Nano-Objekt, vagabundierende RNA umschlossen von einem Kapsid, 700 Mal kleiner als der Durchmesser eines menschlichen Haares, hat geostrategische Pläne durchkreuzt und Wahlausgänge beeinflusst, den Alltag durcheinandergewirbelt und Träume zerschellen lassen.

Für die, die es sich leisten konnten, bot das Virus Anlass zur Introspektion: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen", lautet die auf die Essenz eingedickte Erkenntnis von Theodor W. Adorno, die im Jahr der Pest plötzlich so einleuchtend schien.

Für die, die es sich leisten konnten, bot die Shutdown-Entschleunigung Gelegenheit zur Entschlackung eines mit Ballast vollgestopften Alltags und eine Chance auf Fokussierung auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Und die, die es sich leisten konnten, konnten die Dinge in Relation setzen: Immerhin, es ist nicht Krieg.

Nun, zum Ende des Jahres, ist der richtige Zeitpunkt, an jene zu denken, die sich den Luxus solcher Gedanken nicht leisten können, die ihren Job verloren haben oder deren Geschäft ruiniert ist. An jene, die auf den Intensivstationen damit beschäftigt waren und sind, Menschenleben zu retten, und jene, die in Pflegeheimen und Spitälern dafür gesorgt haben, dass Menschen erst gar nicht auf der Intensivstation landen. Und auch an jene, die die Supermärkte mit Waren versorgt und den Müll der Haushalte entsorgt haben. Es wird nicht mehr geklatscht, aber ein freundliches Wort an der Supermarktkasse ist besser als nichts.

Nun ist der richtige Zeitpunkt, daran zu denken, dass das Leben im Jahr der Pandemie im reichen Österreich so viel leichter und bequemer ist als in den Lagern von Lesbos, in den zerbombten Städten Syriens oder im Niger, dem ärmsten Land der Welt.

Nun heißt es wieder: "Das neue Jahr kann kommen." Was es wohl bringen wird?