Seit einem Jahr balancieren wir auf einem sehr dünnen Drahtseil dahin. Ein ständiger Balanceakt zwischen Lockdown und Lockerung. Schützen wir Menschen vor Ansteckungen, oder persönliche Freiheiten und wirtschaftliche Existenzen? Ein Ende dieses Drahtseilaktes ist wegen der Posse rund um die Verzögerungen bei der Impfstofflieferung an die EU-Länder auch nicht in Sicht.

Marina Delcheva ist Leiterin des Ressorts "Wirtschaft" bei der "Wiener Zeitung".
Marina Delcheva ist Leiterin des Ressorts "Wirtschaft" bei der "Wiener Zeitung".

Was tun also, aufsperren oder weiter im Lockdown-Modus verharren? Die 2.391 Neuinfektionen am Donnerstag sprechen gegen weitere Öffnungsschritte. Der 7-Tages-Schnitt liegt bei 1.846, Tendenz steigend. Mit den Infektionszahlen steigt nach einem Jahr Ausnahmezustand aber auch die Sehnsucht nach ein bisschen alter Normalität.

Gastronomen, Hoteliers, Kinobetreiber forderten am Donnerstag im Rahmen eines Öffnungsgipfels abermals eine baldige Öffnung. Mit Eintrittstest, Impfnachweis, Maskenpflicht, Contact Tracing mittels QR-Code, Platzbeschränkungen. Maßnahmen, die vor einigen Monaten noch von vielen Wirtschaftstreibenden als "zu aufwendig" abgeschmettert wurden, werden mittlerweile für ein bisschen Normalität und Umsatz gern umgesetzt.

Dass diese Öffnungsschritte Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben werden, ist angesichts der zahlreichen, teils deutlich infektiöseren Corona-Mutationen wohl anzunehmen. Und weil die vulnerablen Gruppen noch weit weg von einer adäquaten Durchimpfungsrate sind, werden einige dieser Neuinfizierten trotz Eintrittstests auf der Intensivstation landen.

Weiterhin in dieser neuen Normalität zu verharren, wird aber die ohnehin schon stark aufgeladene Stimmung nicht entspannen. Denn in diesem Spannungsfeld prallen jeden Tag zwei bedrohte Existenzen aufeinander: Kostas J. ist 73 Jahre alt und hat vor drei Wochen nach einer Corona-Infektion die Intensivstation verlassen. Um ein Haar wäre er da nicht leben raus gekommen. Und dann ist da Viola M. Frisörin und Alleinerzieherin. Weil sie sich erst vergangenes Jahr selbständig gemacht hat, sind von den 31 Milliarden Euro an bereits ausbezahlten Corona-Hilfen gerade einmal 500 Euro bei ihr angekommen. Für einen weiteren Lockdown reichen ihre Ersparnisse nicht mehr.

Also balancieren wir weiter herum, im Bemühen, möglichst viele vor einer Ansteckung zu schützen und möglichst wenige wirtschaftlich zu ruinieren; mit Tests, Impfungen, Stay-at-Home-Order. Bei all den Einschränkungen, die wir gerade mittragen, um Leben zu schützen, dürfen wir aber nicht vergessen, dass sehr vieles von dieser neuen Normalität in einer gesunden, geimpften, liberalen Demokratie nicht "normal" sein darf.