Rudolf Anschober, den fast die ganze Republik nur Rudi nennt, ist an der Hartnäckigkeit und Dynamik der Pandemie, der realpolitischen Machtverteilung im Staate Österreich, an der Architektur des heimischen Gesundheitswesens wie seines Ministeriums und am kleingeistig-eifersüchtigen Machtdenken des Koalitionspartners, aber auch an sich selbst und seinem Politikverständnis gescheitert.

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Wie schon während der gesamten Corona-Krise zeigen sich auch beim Rücktritt des Gesundheitsministers aus gesundheitlichen Gründen all die Mosaiksteine, die dafür sorgen, dass Österreich nicht so gut durch die Pandemie kommt, wie Staat und Gesellschaft eigentlich könnten. Nicht einmal der unbedingte Wille, es gemeinsam anzupacken, ist vorhanden.

Die Abschiedsrede Anschobers eröffnete Nichteingeweihten einen Blick in die Abgründe der türkis-grünen Koalition. Diese muss man sich als einen tagtäglichen Kampf vorstellen, den kein Grundvertrauen zwischen den Partner abfedert. Im Gegenteil. Die ÖVP kam Anschober bei seinen emotionalen Abschiedsworten mit keiner Silbe über die Lippen: kein Dank und keine Respektbezeugung. Eine Auslassung als Generalabrechnung.

Den Bürgern könnte es egal sein, wie die Parteien durch ihren Tunnelblick auf ihre eigenen, engen Interessen am Ast sägen, auf dem sie selbst sitzen, wenn nicht wegen dieser monomanischen Selbstbezogenheit ihr Anspruch auf eine Krisenpolitik nach besten Kräften beeinträchtigt würde. Doch weil genau dies geschieht, sollte es den Menschen nicht egal sein.

Die destruktive Konstellation wird auch der neue Gesundheitsminister nicht auflösen. Aber der Neue im zentralen Pandemie-Ministerium hat jetzt immerhin die Chance, den akuten Druck auf das Gesundheitssystem in politische Durchsetzungskraft umzuwandeln. Dass Wolfgang Mückstein praktizierender Arzt ist, sollte ihm dabei zusätzliche Glaubwürdigkeit verschaffen. Die Grenzen für Konsenspolitiker im Jahr 2021 hat ihm sein Vorgänger aufgezeigt.

Die grüne Basis wird den Rücktritt Anschobers als weitere Ernüchterung in der Zusammenarbeit mit der ÖVP verstehen. Der Gesundheitsminister wurde noch im vergangenen Sommer als Umfragekaiser gefeiert, der Kanzler Sebastian Kurz entzaubere. Jetzt steht einmal mehr Vizekanzler Werner Kogler allein mit Klubchefin Sigrid Maurer in der ersten Reihe der Grünen. Auf Dauer wird er die Zukunft der Partei nicht tragen können. Die Koalition mit der ÖVP droht, auch die grünen Personalreserven zu verschlingen.