Es ist ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, die härteste Kritik komme von Mitbewerbern oder Gegnern, beruflichen oder privaten; die brutalste und direkteste Kritik kommt verlässlich von ehemaligen Verbündeten und Partnern, das gilt für die Politik wie das Privatleben.

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Wie zum Beweis hat nun in Großbritannien Dominic Cummings seinen fast schon epischen Rachefeldzug gegen Boris Johnson vor einem Untersuchungsgremium fortgesetzt. Die Abrechnung des ehemaligen engsten Vertrauten und strategischen Masterminds des Premiers gipfelt in einem denkwürdigen Satz: Dass es Johnson in Downing Street als Premier geschafft habe, sei schlicht "verrückt", und "ähnlich durchgeknallt" sei, dass er, Cummings, eine führende Rolle als Regierungsberater innegehabt habe.

Es versteht sich von selbst, dass der Rächer nicht mit absurden Details geizte, um die behauptete Inkompetenz des Premiers deutlich zu machen. So habe sich Johnson etwa das Coronavirus selbst öffentlich injizieren wollen, um Land und Leuten zu beweisen, dass eine Ansteckung im Grunde genommen völlig ungefährlich sei. Und dieses Detail sollte nur die grundsätzliche Überforderung der gesamten Regierung veranschaulichen. Zur Erhöhung seiner Glaubwürdigkeit als Kronzeuge gegen Johnson nahm sich Cummings nicht einmal selbst aus. Auch er habe versagt und Fehler begangen, für die er sich vor den Abgeordneten entschuldigte und symbolisch vor der ganzen Nation in den Staub warf.

Man beachte: Eine besondere Sorte Mensch entschuldigt sich erst dann für eigene Fehler oder Vergehen, wenn diese Entschuldigung andere in einem noch schlechteren Licht erscheinen lässt. Als im Mai 2020 bekannt wurde, dass sich Cummings im März mit Absicht über die damals geltenden harten Lockdown-Regeln hinwegsetzte, verweigerte der damals noch mächtige Berater alle Einsicht und jedes Bedauern.

Das Duo Cummings-Johnson, dem der Berater jetzt jede Eignung für Führung abspricht, hat es durch Talent und Glück geschafft, in einer Phase der anhaltenden Orientierungslosigkeit der politischen Klasse in Großbritannien, zu der sie maßgeblich beigetragen hatten, erst die Macht und dann die Wahlen zu gewinnen. Die institutionalisierten Checks & Balances zum demokratischen Votum, zu denen neben der Justiz, die Opposition und auch die Medien zählen, hatten diesem Projekt wenig entgegenzusetzen.

Es ist ernüchternd, aber realitätsnah, dass das größte Risiko solcher Start-up-Politik im eigenen, innersten Kreis steckt. Die Routinen des Alltags und der Stress unvorhergesehener Krisen sind ihre mächtigsten Feinde.