Politik zu machen, bedeutet zu scheitern. Vorausgesetzt, man betreibt Politik nicht nur um der bloßen Funktion wegen, sondern um etwas in eine erstrebenswerte Richtung zu bewegen. Und je klarer diese persönlichen oder gemeinschaftlichen Überzeugungen, desto mehr. Das ist bei Politikern und Politikerinnen, die ihren religiösen Glauben zur Richtschnur nehmen, nicht anders als bei jenen, die sich an säkularen Werten orientieren, seien sie Sozialdemokraten, Konservative, Liberale oder sonst etwas.

- © Luiza Puiu
© Luiza Puiu

Der Klassiker ist, wenn wie jetzt zu Weihnachten Christlichsoziale, also in der Regel ÖVP-Politiker, gefragt werden, wie sie es denn mit christlichen Ideen der Nächstenliebe und der Geschichte von der Herbergssuche von Menschen auf der Flucht halten (übersehen oder ignoriert wird dabei, dass Gastfreundschaft und Solidarität mit den Nächsten auch in den meisten anderen Religionen und Kulturen gelebt werden). Das säkulare Äquivalent für überzeugte Linke sind bohrende Fragen nach sozialer Gerechtigkeit und gerechter Bezahlung (was auch immer man darunter verstehen mag) zum 1. Mai.

Hinter den eigenen Ansprüchen und Idealen zurückzubleiben, ist kein exklusives Problem von Politikern, ihre öffentliche Rolle und die symbolischen Rituale ihres Metiers stellen sie nur besonders bloß. Bei allen anderen wissen es nur nicht so viele. Trotzdem lohnt der Versuch, den eigenen Werten und Idealen zumindest annähernd gerecht zu werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man sich über den eigenen moralischen Kompass selbst im Klaren ist. Das ist längst nicht so selbstverständlich, wie man vermuten möchte.

In den Routinen des Alltags, unter dem Druck von Dauerkrisen, die Menschen, Wirtschaft und Politik mittlerweile fest im Griff halten und nicht wenige vor existenzielle Sorgen stellen, kann das eigene wie das gesellschaftliche Wertegerüst schon einmal aus dem Blick geraten; oder auch einfach nur auf der Prioritätenliste nach unten rücken. Wer das nicht kennt, ist nicht von dieser Welt.

Für diese Selbstvergewisserung sich Zeit zu geben - und zu nehmen! -, darin liegt, neben dem ganz banalen Umstand des Runterkommens, der besondere Wert der bevorstehenden gemeinsamen Festtage, der religiösen mit Weihnachten als Höhepunkt und des weltlichen zu Silvester.

Scheitern ist dabei fester Teil der Übung. Die Welt gehorcht keiner Moral. Wer nicht bereit ist, das zu akzeptieren, muss einen Beitrag leisten.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, im Namen der gesamten Redaktion frohe und besinnliche Weihnachten.