Es wird wohl knapp werden an diesem Sonntagabend, womöglich sogar sehr, sehr knapp. Für die große Koalition als Institution gewordene Emanation der Zweiten Republik. Für den zweiten Platz der ÖVP, die schon wieder den Atem der Freiheitlichen im Nacken spürt. Und schließlich für BZÖ und Neos, die beide um den (Wieder-)Einzug in den Nationalrat zittern.

Der 29. September 2013 hat also durchaus Chancen, ein neues Kapitel in der Geschichte der Zweiten Republik aufzuschlagen - und wie immer das Ergebnis ausfällt, werden es die einen als Höllenfahrt und die anderen als Befreiung verstehen.

Das Einzige, was man nicht behaupten kann, ist, dass die Veränderung plötzlich über Land und Leute hereingebrochen wäre. Wenn die Geschichte seit den 1980er Jahren eine Konstante kennt, dann jene, die zur heutigen Situation geführt hat. Nichts, aber schon gar nichts davon ist wirklich neu: die Erosion der beiden großen politischen Lager, der Wandel der Deutschnationalen zu postmodernen Populisten, deren beständiger Aufstieg mit einem eingängigen Politikmix aus Ressentiment und Sozialstaatschauvinismus, die wachsende politische Vereinsamung der Jungen, von neuen Selbständigen, von Migranten. Die Unfähigkeit der Grünen, zum großen politischen Sammelbecken all dieser Frustrierten und Unzufriedenen zu werden, um auf diese Weise die Nachfrage nach Alternativen zum bestehenden Angebot systematisch auszutrocknen.

Für einen Moment hatte es so ausgesehen, als würde ausgerechnet Frank Stronach auf seltsam unvernünftige Weise der großen Koalition den Gefallen tun, den Wiederaufstieg der Freiheitlichen einzubremsen. Diese rot-schwarze Hoffnung fiel im Endspurt des Wahlkampfs wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Es wird Zeit, dass SPÖ und ÖVP begreifen, dass ihnen niemand die Arbeit abnehmen wird, politische Mehrheiten für den eigenen Machterhalt zu erringen. Nur: Mit Kampagnen, die passgenau auf die wirklich allerletzten Getreuen zugeschnitten sind, wird das mit Gewissheit nicht mehr lange funktionieren. Wenn es denn überhaupt noch einmal funktioniert.

Österreichs Politik, diese Prognose ist sicher, wird in den kommenden fünf Jahren nicht einfacher, sondern komplizierter. Womöglich auch spannender, aber das allein ist mit Sicherheit keine politische Kategorie.