Chefredakteur Reinhard Göweil.
Chefredakteur Reinhard Göweil.

Nein, es geht nicht um Griechenland oder um Flüchtlinge. Es geht um Export und Import von Waren aus der und in die EU. "Überschuss des Euroraums im internationalen Warenverkehr", freut sich das Statistikamt der EU über das erfolgreiche erste Halbjahr. Die Ausfuhren der 19 Euroländer überstiegen die Einfuhren um 115 Milliarden Euro. Ein genauer Blick in die Tabelle trübt diese optimistische Sicht der Dinge freilich gewaltig. Von diesem Handelsüberschuss entfallen alleine 87,3 Milliarden Euro auf Deutschland. Die überschaubare Differenz verteilt sich auf die anderen 18 Länder, darunter die "Schwergewichte" Frankreich und Italien.

Im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des Vorjahres ist das Gewicht Deutschlands noch größer geworden, das Land machte insgesamt bisher einen Exportüberschuss von 125 Milliarden Euro, ein sattes Plus von 25 Prozent. Davon entfallen 38,3 Milliarden auf die 27 EU-Partner. Um es umgekehrt auszudrücken: Deutschland saugt Kapital wie ein Schwamm auf, das vor allem in Südeuropa mit Sparprogrammen "erwirtschaftet" werden muss, die viele Menschen in die Armut treiben. Ein Teufelskreis, dem auf Dauer auch Deutschland nicht entkommen wird.

Wenn die EU ein Staat wäre, könnte dies einfacher funktionieren. In Österreich zum Beispiel liegt die Exportquote Oberösterreichs Lichtjahre über der des Burgenlands. Innerhalb der Republik funktioniert der Ausgleich, auch mithilfe einer bundesweiten Wirtschaftspolitik.

Innerhalb der EU aber nicht, denn es gibt keine EU-Regierung und auch keinen institutionalisierten Wohlstandsausgleich - auch wenn der jetzige "Europäische Stabilitätsmechanismus" (ESM) ein solcher werden könnte.

Die Eurostat-Zahlen schauen daher gut aus, sind aber in Wahrheit besorgniserregend. Ein Deutschland, das seine Partner immer stärker an die Wand drückt und gleichzeitig von ihnen verlangt, doch etwas dagegen zu unternehmen.

Gleichzeitig erhöht sich die ungleiche Verteilung der Handelsströme nicht nur zwischen Nord und Süd, sondern auch zwischen Ost und West. Die Exporte nach Russland sind - wegen der Sanktionen - bis Juni um 32 Prozent gefallen. Das bekommen die Länder Osteuropas und Skandinaviens deutlicher zu spüren als Deutschland.

Die zerstörerischen Fliehkräfte innerhalb der Union werden also immer stärker, allen wohlklingenden Statistiken zum Trotz.